Sonntag, 15. Januar 2017
15 Abwärts „Computerstaat“
krawallek, 21:11h
Montag
Der Wecker brüllt mich an. Ich bin vollkommen desorientiert. Gestern ist es noch sehr spät geworden. Ich will nicht. Absolut nicht. Und mir bleibt noch eine Chance. Es ist Montag. Ich starte die CD und warte.
„Tainted Love“ von Soft Cell. Auch das noch. Quasi doppelt verloren. Warum ist denn das auf dieser CD überhaupt drauf? Blitzschnell bringe ich das Ding zum Schweigen und stehe sofort auf.
Ab in die Küche. Ich brauche Kaffee. Ab der zweiten Tasse hilft der auch ein bisschen. Bei der dritten setzt dann auch geringe Hirntätigkeit ein. Bei der vierten schicke ich Nick eine SMS. Er ruft mich an und wir verabreden uns für neun im Rathaus. Wir wollen zusammen zum Ordnungsamt, um seinen Biergarten zu beantragen.
Nick und ich sind beide zehn Minuten zu früh. Eigentlich nicht unser beider Stil, da sieht man, wie wichtig das alles für uns ist. Beim Blick auf die Rathausuhr müssen wir beide grinsen. Also drehe ich mir noch eine Zigarette und schmöke in aller Seelenruhe. Nick hat mit der Qualmerei schon vor Jahren aufgehört. Kein dummer Schachzug von ihm. Sollte ich vielleicht auch machen. Irgendwann demnächst.
Auf ins Ordnungsamt. Nick ist die Abneigung, das Gebäude zu betreten quasi anzusehen. Von solchen Institutionen hält er nicht viel. Aber heute muss es unbedingt sein. Nicks Sachbearbeiterin heißt Chantal Chmielewski. Eltern können wirklich grausam sein. Vor allem, weil Chantal älter ist, als es der Name vermuten lässt. Als sie den Namen verpasst bekommen hat, war der noch sehr selten.
Nick stößt mich an.
„Alter, du bist hier aber mal richtig einer, oder? Die meisten hier unterwegs trauen sich kaum dich beim Grüßen anzuschauen. Manche tuscheln auch, wenn sie dich sehen. Bist du hier so eine Art Star oder was? Darf ich da überhaupt noch Du zu dir sagen?“
Ich winke ab. Aber es ist mir auch schon aufgefallen. Scheinbar hat mein Auftritt beim OB sich rumgesprochen und mein Image ganz gehörig aufpoliert. Ich bin jetzt hier wohl wer. Wer auch immer.
Unterwegs legen wir noch einen Zwischenstop bei DreiElf ein, damit er prüfen kann, ob die Daten vom Gewerkschaftshaus immer noch nicht abrufbar sind. Erst nachdem er festgestellt hat, dass die Lage weiterhin unverändert ist, setzen wir unseren Weg fort.
Dann entern wir Chantals Büro. Sie sieht mich irritiert an.
„Hallo zusammen. Waller, was führt dich zu mir. Wollen sie dich schon hierhin abschieben?“
Chantal hat zwar einen schauerlichen Namen, gehört aber in die Kategorie angenehme Mitmenschen. Wir sind immer gut miteinander klar gekommen. Sie weiß meist gut Bescheid, was in den Hallen hier vorgeht. Ihr Flurfunkempfänger funktioniert erstklassig.
„Nein, nein. Zumindest nicht, dass ich wüsste. Aber ich würde es bestimmt auch so ziemlich als Letzter erfahren. Was spricht man denn so?“
„Ich glaube, du musst dir vorerst keine Sorgen machen. Alles was man so hört ist, dass du dem Big Boss gehörig die Hölle heiß gemacht hast und der mächtig sauer auf dich ist. Und dass er noch viel saurer ist, dass er dich nicht an den Eiern packen kann. Was immer du gemacht hast, das hast du ziemlich perfekt gemacht.“
Das sind definitiv gute Nachrichten.
„Cool, das klingt doch hervorragend. Aber ich bin nur einfach so hier. Habe vor der Tür meinen alten Kumpel hier getroffen. Der will zu dir und ich dachte, ich komme einfach mal mit und sage mal wieder hallo.“
„Hallo, ich bin Helmut Pozigalla. Also eigentlich bin ich Nick.“
„Hi Nick, was kann ich für dich tun?
Sie gehört in die Kategorie angenehme Mitmenschen.
„Ich betreibe das „Mercy Seat“ und möchte eine Lizenz für einen Biergarten beantragen.“
„Jetzt? Wo der Winter gerade anfängt?“
„Besser zu früh als zu spät. Sonst ist der nächste Sommer plötzlich auch wieder vorbei.“
„Wohl war, manchmal mahlen hier die städtischen Mühlen in Superzeitlupe.“
Sie beginnt zu tippen. Sie wartet, guckt dann verwirrt. Sie tippt erneut. Jetzt sieht sie uns an.
„Es kommt nichts. Also wenn ich den Datensatz vom „Mercy Seat“ aufrufen will, passiert rein gar nichts. Als gäbe es die Daten nicht. So was hatte ich aber noch nie. Da muss ich mal telefonieren.“
Und das macht sie dann. Und zwar ausgiebig. Mit ihrem direktem Vorgesetzten. Dann mit ihrer richtigen Chefin. Und mit der EDV. Und alles bleibt ergebnislos. Wir sind deutlich weniger überrascht von diesem Resultat als sie.
„Tut mir leid, ich kann hier heute nichts machen. Die Daten sind nicht da und keiner der angeblich Allwissenden hat eine Ahnung, was in solchen Fällen zu tun ist. Gib mir deine Telefonnummer, dann ruf ich dich an, wenn es weiter gehen kann.“
Nick schreibt Zahlen auf den ihm zugeschobenen Zettel. Plötzlich stutzt sie.
„Wisst ihr was ich nicht verstehe?“
„Russisch?“
Sie stockt kurz. Wir warten gespannt.
„Stimmt, Russisch verstehe ich nicht, aber eigentlich verstehe ich nicht, warum meine Chefin gar nicht so richtig überrascht war, als ich ihr gesagt habe, dass ich auf die Daten nicht zugreifen kann. Das war eher so gespielt.“
Wir bedauern zumindest ein wenig, dass wir Chantal nicht sagen können, dass wir unser Ziel eigentlich erreicht haben und der Antrag auf den Biergarten nur dazu da war, den Stein ins Rollen zu bringen. Jetzt haben wir ein paar Leute hier aufgeschreckt, die sich hoffentlich endlich fragen werden, was hier los ist.
Wir verabschieden uns. Sie lächelt uns an. Mehr in Richtung Nick.
„Macht’s gut. Bis bald, Nick.“
Ehe ich was sagen kann, hebt Nick abwehrend den Zeigefinger. Ich zögere noch kurz, verkneife mir aber meinen Spruch. Nick bietet mir an, mich zu meinem Büro zu fahren, aber ich will mich noch ein wenig hier umhören.
Aber zunächst muss ich mal pinkeln und steuere deshalb die nächste Toilette an.
Als ich so weit fertig bin, drehe ich mich um. Ich zucke innerlich zusammen. Nach außen bleibe ich vollkommen cool und lasse mir die Überraschung nicht anmerken. In der Tür zum Vorraum mit den Waschbecken und dem Ausgang steht Carsten Schmitzt. Zufall oder Absicht? Gute Frage. So wie er guckt, vermute ich Absicht. Hat der mich beobachtet? Und wenn ja, ab wann?
„So, Krawallek. Jetzt bist du alleine und kommst nicht so leicht davon. Weder deine hübsche Ische noch die große Vogelscheuche sind da. Ich frage noch einmal. Was soll das alles und was willst du verflucht noch mal von mir?“
Luz und der Preacherman werden nicht erfreut sein, seine Meinung über sie zu hören.
Meine Position ist eher suboptimal. Es gibt nur diese eine Tür und in der steht der Typ. Keinen Schimmer, was passiert, wenn ich versuche mich da einfach so durchzuschieben. Ich glaube nicht, dass das auch klappen wird. Ich suche nach Inspiration. Leider vergeblich.
„Krawallek. Bist du taub? Oder stumm? Sprich endlich!“
Der Typ ist eindeutig nervös und hat Angst. Das gefällt mir ganz und gar nicht. Ich will hier raus.
In diesem Moment kommt Hilfe. Wenn auch zufällige Hilfe. Durch wen auch immer. Ein neuer Besucher betritt die Toilette. Carsten zuckt zusammen. Das ist jetzt genau das, was er gar nicht brauchen kann. Ich bin mir sicher, dass ich jetzt an ihm vorbei kann, ohne das etwas passiert. Also Aufbruch. Als ich mich an ihm vorbei schiebe, kann ich nicht anders. Ich trete ihm voll auf den Fuß.
„Ach, entschuldige bitte.“
Als ich in sein Gesicht sehe, frage ich mich kurz, ob ich das besser hätte lassen sollen. Aber das musste einfach sein, er hat darum irgendwie gebettelt. Ausgiebig.
Erst jetzt kann ich den frisch eingetretenen Toilettengast sehen. Ich kann es nicht glauben, wer mich da aus der misslichen Situation befreit hat. Unser OB. Ausgerechnet. Wie das Leben so spielt. Ich grüße ihn mit einem dahingeworfenem Hallo. Das muss reichen. Ehre nur, wem Ehre gebührt. Und Ehre muss man sich verdienen. Die gibt es nicht einfach wegen der Stellung.
Jetzt aber schnell raus. Ohne Händewaschen. Wenn das mein Vater gesehen hätte.
Der nächste Weg führt mich wieder zu DreiElf. In seinem Büro und im ganzen Gang bei der EDV herrscht großer Trubel. Die suchen bestimmt nach Daten. DreiElf kann und will hier nicht reden. Er ruft Siouxsie an. Raucherecke.
Dort gehen wir in den hintersten Winkel. Beide haben nicht ausgestempelt. Mein subversives Verhallten scheint ansteckend zu wirken.
„Seitdem Nick und du bei Chantal gewesen seid, ist hier ganz schön was los. Die Chefin vom Ordnungsamt macht meinem Chef ganz schön Druck. Vor allem als dann so langsam jedem wirklich klar wurde, dass die Daten nirgendwo zu finden sind. Halt so gar nicht. Dabei war das ja vorher schon so mehr oder weniger bekannt. Auch ihr. Ist aber nicht unbedingt ernst genommen worden, aber jetzt ist es so richtig akut. Erzähl aber erst mal was ihr da so getrieben habt.“
Also berichte ich den beiden von unserem Besuch. Da es sonst nichts gibt, rauchen wir noch eine und gehen dann unserer Wege.
Kurz danach komme ich in unser Amt und gehe zu Pete ins Büro. Ein kurzes Hallo.
„Hast du schon die Zeitung gelesen?“
Ich schüttle den Kopf und er schiebt mir den Lokalteil rüber. Ein echt ausführlicher Bericht über die VOD- Schriftzüge. Insbesondere natürlich über die am Vortag dazu gekommen vielen kleinen Zeichen. Davon gibt es wohl schon reichlich. Es wird auch über das Video berichtet, ohne das aber Hintergrund und Zusammenhänge erkannt werden. Das ist aber auch was für Insider und nicht für unsere Lokalredakteure. Der Tenor des Berichts war, dass es sich um übelsten Vandalismus handelt. Und sonst nichts.
„Die haben ja mal gar keine Ahnung, was da läuft.“
„Na, woher denn auch?“
Ich zucke mit den Achseln.
Pete ist schon immer mein Freund. Solange ich mich erinnern kann. Ich vertraue ihm total. Und oft denken wir auch gleich. Meist brauchen wir auch nicht viele Worte.
„Pete?“
Er guckt rüber. An meiner Art zu fragen, hat er sofort geschnallt, dass irgendwas ist. Er sagt nichts, aber ich habe seine volle Aufmerksamkeit. Er fängt quasi schon an zu hören, bevor ich zu sprechen beginne.
„Meinst du, das was wir machen, ist richtig? Eigentlich ist die Frage ja eher, was machen wir überhaupt? Was glauben wir denn, wer wir sind? Ich meine ...“
Er unterbricht mich mit einer Handbewegung.
„Reicht schon. Ich weiß, was du meinst. Ich habe mir diese Fragen alle auch gestellt.“
Er nimmt einen Schluck Kaffee.
„Letztlich ist es ja im Moment so, dass es wohl passieren könnte, dass das „Mercy Seat“ und damit auch Nick und Kati den Bach heruntergehen. Mag sein, dass da im Hintergrund irgendwas läuft, was nicht koscher ist. Eigentlich bin ich mir sicher, dass da was läuft. Aber wir wissen ja nichts, womit wir offiziell bei der Stadt oder Polizei vorstellig werden können.“
Er nimmt noch einen Schluck Kaffee.
„Also können wir entweder nichts tun und einfach zugucken, was passiert. Oder wir können versuchen, irgendwas in Erfahrung zu bringen, womit wir dann irgendwas in Gang bringen könnten. Vielleicht können wir auch über die Zeitung gehen, wenn es für sonst nichts reicht. Dann würde vielleicht von irgendwo Unterstürzung kommen.“
Er nimmt noch einen Schluck Kaffee.
„Nichts zu tun ist für mich keine Option.“
Er trinkt seinen Kaffee aus und stellt die Tasse ab. Er hat alles dazu gesagt.
„Für mich auch nicht.“
Ich sitze an meinem Schreibtisch. Das Handy brummt. Eine SMS. Von Nick. An alle.
Bitte seid heute Abend um halb acht am Hintereingang vom „Mercy Seat“.
Sonst nichts. Was ist da los? Ich antworte. Warten.
Pete kommt in mein Büro und schaut mich fragend an.
Keine Antwort von Nick. Also anrufen. Der Teilnehmer ist momentan nicht erreichbar. Typisch Nick, rennt mit einem leeren Akku durchs Gelände.
Wir rufen die Homepage vom „Mercy Seat“ auf. Wir sind irritiert.
HEUTE GESCHLOSSEN
Ich logge mich bei Hotmail ein. Im Posteingang ist einiges. TomTom, Siouxsie, her Captain. Niemand kann Nick oder Kati erreichen, keiner hat eine Ahnung. Virtuelles Schulterzucken überall.
TomTom ist clever. Der Hintereingang vom “Mercy Seat” ist nicht leicht zu finden. Nicht jeder weiß, wo der ist. Deshalb hat er den Weg beschrieben. Er ist oft schon einen Schritt weiter, er kann schnell denken.
Luz ist unruhig. Ich auch. Wir gehen viel zu früh los. Vorne hängt ein HEUTE GESCHLOSSEN Schild. Am Durchgang zum Hinterhof treffen wir auf Siouxsie, Zeus und den Captain. An der Tür warten schon Betty, Snake und der Preacherman. TomTom und Pete sind nur kurz danach auch da. Der ganze Haufen, alle zu früh. Ungewöhnlich.
Sorgenvolle Blicke werden getauscht. Keiner spricht.
Die Tür wird geöffnet. Kati. Sie guckt ernst. Wir gehen rein, sammeln uns um die beiden Stehtische. Nick ist nicht da. Kati bring uns Getränke.
Die Gläser bimmeln nur halbherzig.
Kati sucht nach Worten. Wir sind ungeduldig, wollen wissen, was los ist, aber wir lassen ihr die Zeit, die sie braucht.
„Nick ist hier heute Mittag vor der Tür verkloppt worden. Er hat ganz schon was abgekriegt, aber nichts, was nicht wieder weg geht. Zum Doc will er nicht, ihr kennt ihn ja. Keine Ahnung wer das war. Auf die Sheriffs hat er auch keinen Bock.“
Typisch Nick. Von staatlichen Institutionen hält er nicht viel.
Großes Palaver, wilde Spekulationen.
Schnell sind wir uns einig, dass das nur mit diesem verfluchten Deal zu tun haben kann. Hat Seelmann Schläger angeheuert? Oder sonst wer, der da mit drin hängt? Was machen wir jetzt? Sollen wir aufhören und hoffen, dass alles von alleine gut wird?
Kati hört die ganze Zeit schweigend zu.
„Leute, jetzt mal ganz in Ruhe.“
Ruhe kehrt ein, wir sehen sie an.
„Also, das sind ja alles nur Vermutungen. Nick weiß nicht, wer ihn da aufgemischt hat. Er hat den Laden seit über zwanzig Jahren, da kann irgendwer mal sauer geworden sein. Oder was auch immer. Jedenfalls will der nicht, dass wir jetzt einfach aufhören und abwarten, was denn so passiert. Das „Mercy Seat“ ist Nicks Leben.“
Sie macht eine kurze Pause.
„Und meins auch, wir können das nicht aufgeben. Wir dürfen das nicht verlieren.“
Sie dreht sich um und geht Richtung Theke.
„Ich mach uns noch eine Fuhre.“
Mein Blick macht die Runde. Niemand außer mir scheint die Tränen in Katis Augen wahrgenommen zu haben. Sie war aber auch blitzschnell weg. Wenn Kati getauft worden wäre und ich in der Kirche gewesen wäre, wäre ich damals ihr Patenonkel geworden. Viel wäre und wenn, aber auch wenn Frauen mit Tränen in den Augen gar nicht mein Ding sind, drücke ich mich nicht.
Also auch zur Theke.
„Geben wir auf?“
Ich schüttle den Kopf.
„Never.“
Erleichterung. Sie lächelt. In meinem Kopf macht sich ein Gedanke breit.
„Gehörst du zu den Sprayern?“
Jetzt schüttelt sie den Kopf.
„Aber du kennst die, du weißt, wer die sind?“
„Ich weiß nicht. Wirklich nicht. Wahrscheinlich kenne ich die, habe aber keine Ahnung, wer dahinter steckt. Das könnten gut welche von meinen Gästen hier sein. Irgendwer hat mir den Link zum Blog per WhatsApp und Facebook geschickt. Das war genau, als der online ging, muss deshalb eigentlich von denen gekommen sein.“
Kati unterscheidet ein wenig zwischen ihren und Nicks Gästen. Und sie hat Recht. Viele von den Jüngeren kommen auch wegen ihr. Besonders die Jungs. Kati ist ein echter Hingucker. Sie hat das Aussehen ihrer Mutter, aber das Wesen ihres Vaters geerbt. The Best Of Both Worlds.
„Können wir da nicht Kontakt herstellen?”
„Habe ich versucht. Aber bei WhatsApp ist der Absender nie wieder eingeloggt gewesen. Das Profil bei Facebook war auch sofort gelöscht. Der Name war BD-RIP-1936.“
Buenaventura Durruti. Gestorben 1936. Da gibt sich aber jemand wirklich Mühe und recherchiert genau.
Wer sind diese Sprayer, die sich irgendwie mit uns verbündet zu haben scheinen. Die gehen sehr geschickt und vorsichtig vor. Sowohl beim Sprayen also auch in anderen Dingen. Wir können nur vermuten, dass sie Kati kennen und vielleicht im „Mercy Seat“ Gäste sind. Mehr nicht, das ist wenig. Vielleicht kann DreiElf was über ihre Aktivitäten im Netzt herausfinden.
Kati weckt mich aus meinen Gedanken.
„Waller, ich mach mir schon Sorgen. Kannst du mich mal drücken?“
Kann ich , mach ich.
Kati hat die Getränke fertig und wir kehren zu den anderen zurück.
Die Gläser bimmeln schon zuversichtlicher.
Pete wiederholt seine Aussage von heute Morgen.
„Nichts zu tun ist für mich keine Option.“
Und alle stimmen ihm zu. Wir werden was tun. Was auch immer. Zumindest werden wir das versuchen. Und wir werden vorsichtig sein.
Nick und Kati müssen besonders aufpassen, bis klar ist, wer Nick verprügelt hat. Keiner von beiden soll alleine ins „Mercy Seat“ gehen, besser noch mit zusätzlicher Begleitung. Der Preacherman und der Captain bieten sich an. Sie haben beide auch tagsüber Zeit. Kati hat auch noch Freunde, die da einspringen können.
Snake hat eine Idee.
„Wir haben uns noch nicht bei Stefanie für ihre Hilfe bedankt. Das sollten wir machen, vielleicht erfahren wir dabei noch das eine oder andere.“
Er kramt sein Handy heraus.
„Ich habe die Nummer, ich war dabei als sie hier mit Nick gesprochen hat.“
Er wählt, es klingelt, Stefanie geht dran.
„Hallo, hier ist Snake. Ich möchte mich bedanken, dass du uns geholfen hast.“
Snake nickt zufrieden, sie scheint von dem Anruf nicht entsetzt zu sein.
Er erzählt ihr, was mit Nick passiert ist und fragt, ob er den Lautsprecher einschalten darf, damit wir mithören können. Sie scheint nichts dagegen zu haben, denn Snake drückt ein paar Tasten und legt das Telefon mitten auf den Tisch. Alle begrüßen sie, auch die, die sie gar nicht kennen.
Sie erzählt uns, dass Seelmann sie nicht in Verdacht hat und ihr glaubt. Allerdings ist Seelmann von dieser Theorie mit dem Konkurrenten nicht so wirklich überzeugt. Er denkt eher, dass da was anderes hinter steckt. Eine richtige Ahnung hat er aber auch nicht.
„Meinst du Seelmann hat Nick die Schläger auf den Hals gehetzt?“
„Zutrauen würde ich ihm so etwas. Der ist schon so lange in einer harten Branche erfolgreich, dass er wenig Skrupel haben sollte. Und der kennt sicher ein paar Jungs vom Bau, die für ein paar Euro so ein Ding durchziehen. Ich weiß aber nicht, ob er hier was angeleiert hat.“
Interessant. Das sollten wir im Auge behalten.
„Noch was. Hier sind in letzter Zeit ein paar Zahlungsaufforderungen vom „Salome“ eingegangen. Ich glaube nicht, dass der Seelmann da selbst hingeht. Da war jemand anderes, aber der Seelmann hat bezahlt. In bar. Schwarz. Keine richtigen Belege.“
Als wir gerade das Gespräch beenden wollen, macht der Preacherman noch eine Geste. Er scheint noch was sagen zu wollen.
„Als Waller und ich euer Büro besucht haben, ist mir noch was aufgefallen. In den Fächer für die neuen Projekte im Regal war nicht viel drin.“
„Ja, ja. Es läuft seit einiger Zeit nicht gut. Neue Projekte gibt es im Moment kaum und die letzten sind auch noch in die Hose gegangen. So windige Sachen wie jetzt hier hat der Seelmann vorher nicht gemacht. Windig ja, aber nicht so windig. Der hat echte finanzielle Probleme. Der steht unter Druck.“
Wir sehen uns an und verabschieden uns dann von ihr.
Sie ist eine Frau von Ehre.
TomTom runzelt die Stirn.
„Wissen wir eigentlich, warum sie das macht? Warum gibt sie uns die Infos über Seelmann?“
Gute Frage. Kopfschütteln. Schulterzucken.
„Salome?“
Das kommt von Betty. Der Captain kann helfen.
„Das ist unten an der Stadtgrenze in der Nähe von dem großen Baumarkt. Soll einer der besten Puffs in der Gegend sein. Und einer der teuersten.“
Wir gucken uns an. Für wen tut Seelmann das?
Kati bringt neue Getränke. Die Gläser bimmeln.
Alles wird noch mal in epischer Breite diskutiert. Hilft nicht, tut aber gut und bringt Spaß.
Wir verlassen alle zusammen das „Mercy Seat“. Der Preacherman bringt Kati nach Hause. Beim Verabschieden frage ich TomTom, wo der den Preacherman gestern abgesetzt hat.
„Quasi irgendwo im Nirgendwo in der Nähe der Stadtgrenze. Dann ist er zu Fuß durch die Felder weiter. Wohin auch immer.“
Wir wissen nicht viel über den Preacherman.
Luz nimmt meine Hand. Wir gehen heim.
Möge die Macht mit uns sein.
***
Am Freitag geht es weiter.
Der Wecker brüllt mich an. Ich bin vollkommen desorientiert. Gestern ist es noch sehr spät geworden. Ich will nicht. Absolut nicht. Und mir bleibt noch eine Chance. Es ist Montag. Ich starte die CD und warte.
„Tainted Love“ von Soft Cell. Auch das noch. Quasi doppelt verloren. Warum ist denn das auf dieser CD überhaupt drauf? Blitzschnell bringe ich das Ding zum Schweigen und stehe sofort auf.
Ab in die Küche. Ich brauche Kaffee. Ab der zweiten Tasse hilft der auch ein bisschen. Bei der dritten setzt dann auch geringe Hirntätigkeit ein. Bei der vierten schicke ich Nick eine SMS. Er ruft mich an und wir verabreden uns für neun im Rathaus. Wir wollen zusammen zum Ordnungsamt, um seinen Biergarten zu beantragen.
Nick und ich sind beide zehn Minuten zu früh. Eigentlich nicht unser beider Stil, da sieht man, wie wichtig das alles für uns ist. Beim Blick auf die Rathausuhr müssen wir beide grinsen. Also drehe ich mir noch eine Zigarette und schmöke in aller Seelenruhe. Nick hat mit der Qualmerei schon vor Jahren aufgehört. Kein dummer Schachzug von ihm. Sollte ich vielleicht auch machen. Irgendwann demnächst.
Auf ins Ordnungsamt. Nick ist die Abneigung, das Gebäude zu betreten quasi anzusehen. Von solchen Institutionen hält er nicht viel. Aber heute muss es unbedingt sein. Nicks Sachbearbeiterin heißt Chantal Chmielewski. Eltern können wirklich grausam sein. Vor allem, weil Chantal älter ist, als es der Name vermuten lässt. Als sie den Namen verpasst bekommen hat, war der noch sehr selten.
Nick stößt mich an.
„Alter, du bist hier aber mal richtig einer, oder? Die meisten hier unterwegs trauen sich kaum dich beim Grüßen anzuschauen. Manche tuscheln auch, wenn sie dich sehen. Bist du hier so eine Art Star oder was? Darf ich da überhaupt noch Du zu dir sagen?“
Ich winke ab. Aber es ist mir auch schon aufgefallen. Scheinbar hat mein Auftritt beim OB sich rumgesprochen und mein Image ganz gehörig aufpoliert. Ich bin jetzt hier wohl wer. Wer auch immer.
Unterwegs legen wir noch einen Zwischenstop bei DreiElf ein, damit er prüfen kann, ob die Daten vom Gewerkschaftshaus immer noch nicht abrufbar sind. Erst nachdem er festgestellt hat, dass die Lage weiterhin unverändert ist, setzen wir unseren Weg fort.
Dann entern wir Chantals Büro. Sie sieht mich irritiert an.
„Hallo zusammen. Waller, was führt dich zu mir. Wollen sie dich schon hierhin abschieben?“
Chantal hat zwar einen schauerlichen Namen, gehört aber in die Kategorie angenehme Mitmenschen. Wir sind immer gut miteinander klar gekommen. Sie weiß meist gut Bescheid, was in den Hallen hier vorgeht. Ihr Flurfunkempfänger funktioniert erstklassig.
„Nein, nein. Zumindest nicht, dass ich wüsste. Aber ich würde es bestimmt auch so ziemlich als Letzter erfahren. Was spricht man denn so?“
„Ich glaube, du musst dir vorerst keine Sorgen machen. Alles was man so hört ist, dass du dem Big Boss gehörig die Hölle heiß gemacht hast und der mächtig sauer auf dich ist. Und dass er noch viel saurer ist, dass er dich nicht an den Eiern packen kann. Was immer du gemacht hast, das hast du ziemlich perfekt gemacht.“
Das sind definitiv gute Nachrichten.
„Cool, das klingt doch hervorragend. Aber ich bin nur einfach so hier. Habe vor der Tür meinen alten Kumpel hier getroffen. Der will zu dir und ich dachte, ich komme einfach mal mit und sage mal wieder hallo.“
„Hallo, ich bin Helmut Pozigalla. Also eigentlich bin ich Nick.“
„Hi Nick, was kann ich für dich tun?
Sie gehört in die Kategorie angenehme Mitmenschen.
„Ich betreibe das „Mercy Seat“ und möchte eine Lizenz für einen Biergarten beantragen.“
„Jetzt? Wo der Winter gerade anfängt?“
„Besser zu früh als zu spät. Sonst ist der nächste Sommer plötzlich auch wieder vorbei.“
„Wohl war, manchmal mahlen hier die städtischen Mühlen in Superzeitlupe.“
Sie beginnt zu tippen. Sie wartet, guckt dann verwirrt. Sie tippt erneut. Jetzt sieht sie uns an.
„Es kommt nichts. Also wenn ich den Datensatz vom „Mercy Seat“ aufrufen will, passiert rein gar nichts. Als gäbe es die Daten nicht. So was hatte ich aber noch nie. Da muss ich mal telefonieren.“
Und das macht sie dann. Und zwar ausgiebig. Mit ihrem direktem Vorgesetzten. Dann mit ihrer richtigen Chefin. Und mit der EDV. Und alles bleibt ergebnislos. Wir sind deutlich weniger überrascht von diesem Resultat als sie.
„Tut mir leid, ich kann hier heute nichts machen. Die Daten sind nicht da und keiner der angeblich Allwissenden hat eine Ahnung, was in solchen Fällen zu tun ist. Gib mir deine Telefonnummer, dann ruf ich dich an, wenn es weiter gehen kann.“
Nick schreibt Zahlen auf den ihm zugeschobenen Zettel. Plötzlich stutzt sie.
„Wisst ihr was ich nicht verstehe?“
„Russisch?“
Sie stockt kurz. Wir warten gespannt.
„Stimmt, Russisch verstehe ich nicht, aber eigentlich verstehe ich nicht, warum meine Chefin gar nicht so richtig überrascht war, als ich ihr gesagt habe, dass ich auf die Daten nicht zugreifen kann. Das war eher so gespielt.“
Wir bedauern zumindest ein wenig, dass wir Chantal nicht sagen können, dass wir unser Ziel eigentlich erreicht haben und der Antrag auf den Biergarten nur dazu da war, den Stein ins Rollen zu bringen. Jetzt haben wir ein paar Leute hier aufgeschreckt, die sich hoffentlich endlich fragen werden, was hier los ist.
Wir verabschieden uns. Sie lächelt uns an. Mehr in Richtung Nick.
„Macht’s gut. Bis bald, Nick.“
Ehe ich was sagen kann, hebt Nick abwehrend den Zeigefinger. Ich zögere noch kurz, verkneife mir aber meinen Spruch. Nick bietet mir an, mich zu meinem Büro zu fahren, aber ich will mich noch ein wenig hier umhören.
Aber zunächst muss ich mal pinkeln und steuere deshalb die nächste Toilette an.
Als ich so weit fertig bin, drehe ich mich um. Ich zucke innerlich zusammen. Nach außen bleibe ich vollkommen cool und lasse mir die Überraschung nicht anmerken. In der Tür zum Vorraum mit den Waschbecken und dem Ausgang steht Carsten Schmitzt. Zufall oder Absicht? Gute Frage. So wie er guckt, vermute ich Absicht. Hat der mich beobachtet? Und wenn ja, ab wann?
„So, Krawallek. Jetzt bist du alleine und kommst nicht so leicht davon. Weder deine hübsche Ische noch die große Vogelscheuche sind da. Ich frage noch einmal. Was soll das alles und was willst du verflucht noch mal von mir?“
Luz und der Preacherman werden nicht erfreut sein, seine Meinung über sie zu hören.
Meine Position ist eher suboptimal. Es gibt nur diese eine Tür und in der steht der Typ. Keinen Schimmer, was passiert, wenn ich versuche mich da einfach so durchzuschieben. Ich glaube nicht, dass das auch klappen wird. Ich suche nach Inspiration. Leider vergeblich.
„Krawallek. Bist du taub? Oder stumm? Sprich endlich!“
Der Typ ist eindeutig nervös und hat Angst. Das gefällt mir ganz und gar nicht. Ich will hier raus.
In diesem Moment kommt Hilfe. Wenn auch zufällige Hilfe. Durch wen auch immer. Ein neuer Besucher betritt die Toilette. Carsten zuckt zusammen. Das ist jetzt genau das, was er gar nicht brauchen kann. Ich bin mir sicher, dass ich jetzt an ihm vorbei kann, ohne das etwas passiert. Also Aufbruch. Als ich mich an ihm vorbei schiebe, kann ich nicht anders. Ich trete ihm voll auf den Fuß.
„Ach, entschuldige bitte.“
Als ich in sein Gesicht sehe, frage ich mich kurz, ob ich das besser hätte lassen sollen. Aber das musste einfach sein, er hat darum irgendwie gebettelt. Ausgiebig.
Erst jetzt kann ich den frisch eingetretenen Toilettengast sehen. Ich kann es nicht glauben, wer mich da aus der misslichen Situation befreit hat. Unser OB. Ausgerechnet. Wie das Leben so spielt. Ich grüße ihn mit einem dahingeworfenem Hallo. Das muss reichen. Ehre nur, wem Ehre gebührt. Und Ehre muss man sich verdienen. Die gibt es nicht einfach wegen der Stellung.
Jetzt aber schnell raus. Ohne Händewaschen. Wenn das mein Vater gesehen hätte.
Der nächste Weg führt mich wieder zu DreiElf. In seinem Büro und im ganzen Gang bei der EDV herrscht großer Trubel. Die suchen bestimmt nach Daten. DreiElf kann und will hier nicht reden. Er ruft Siouxsie an. Raucherecke.
Dort gehen wir in den hintersten Winkel. Beide haben nicht ausgestempelt. Mein subversives Verhallten scheint ansteckend zu wirken.
„Seitdem Nick und du bei Chantal gewesen seid, ist hier ganz schön was los. Die Chefin vom Ordnungsamt macht meinem Chef ganz schön Druck. Vor allem als dann so langsam jedem wirklich klar wurde, dass die Daten nirgendwo zu finden sind. Halt so gar nicht. Dabei war das ja vorher schon so mehr oder weniger bekannt. Auch ihr. Ist aber nicht unbedingt ernst genommen worden, aber jetzt ist es so richtig akut. Erzähl aber erst mal was ihr da so getrieben habt.“
Also berichte ich den beiden von unserem Besuch. Da es sonst nichts gibt, rauchen wir noch eine und gehen dann unserer Wege.
Kurz danach komme ich in unser Amt und gehe zu Pete ins Büro. Ein kurzes Hallo.
„Hast du schon die Zeitung gelesen?“
Ich schüttle den Kopf und er schiebt mir den Lokalteil rüber. Ein echt ausführlicher Bericht über die VOD- Schriftzüge. Insbesondere natürlich über die am Vortag dazu gekommen vielen kleinen Zeichen. Davon gibt es wohl schon reichlich. Es wird auch über das Video berichtet, ohne das aber Hintergrund und Zusammenhänge erkannt werden. Das ist aber auch was für Insider und nicht für unsere Lokalredakteure. Der Tenor des Berichts war, dass es sich um übelsten Vandalismus handelt. Und sonst nichts.
„Die haben ja mal gar keine Ahnung, was da läuft.“
„Na, woher denn auch?“
Ich zucke mit den Achseln.
Pete ist schon immer mein Freund. Solange ich mich erinnern kann. Ich vertraue ihm total. Und oft denken wir auch gleich. Meist brauchen wir auch nicht viele Worte.
„Pete?“
Er guckt rüber. An meiner Art zu fragen, hat er sofort geschnallt, dass irgendwas ist. Er sagt nichts, aber ich habe seine volle Aufmerksamkeit. Er fängt quasi schon an zu hören, bevor ich zu sprechen beginne.
„Meinst du, das was wir machen, ist richtig? Eigentlich ist die Frage ja eher, was machen wir überhaupt? Was glauben wir denn, wer wir sind? Ich meine ...“
Er unterbricht mich mit einer Handbewegung.
„Reicht schon. Ich weiß, was du meinst. Ich habe mir diese Fragen alle auch gestellt.“
Er nimmt einen Schluck Kaffee.
„Letztlich ist es ja im Moment so, dass es wohl passieren könnte, dass das „Mercy Seat“ und damit auch Nick und Kati den Bach heruntergehen. Mag sein, dass da im Hintergrund irgendwas läuft, was nicht koscher ist. Eigentlich bin ich mir sicher, dass da was läuft. Aber wir wissen ja nichts, womit wir offiziell bei der Stadt oder Polizei vorstellig werden können.“
Er nimmt noch einen Schluck Kaffee.
„Also können wir entweder nichts tun und einfach zugucken, was passiert. Oder wir können versuchen, irgendwas in Erfahrung zu bringen, womit wir dann irgendwas in Gang bringen könnten. Vielleicht können wir auch über die Zeitung gehen, wenn es für sonst nichts reicht. Dann würde vielleicht von irgendwo Unterstürzung kommen.“
Er nimmt noch einen Schluck Kaffee.
„Nichts zu tun ist für mich keine Option.“
Er trinkt seinen Kaffee aus und stellt die Tasse ab. Er hat alles dazu gesagt.
„Für mich auch nicht.“
Ich sitze an meinem Schreibtisch. Das Handy brummt. Eine SMS. Von Nick. An alle.
Bitte seid heute Abend um halb acht am Hintereingang vom „Mercy Seat“.
Sonst nichts. Was ist da los? Ich antworte. Warten.
Pete kommt in mein Büro und schaut mich fragend an.
Keine Antwort von Nick. Also anrufen. Der Teilnehmer ist momentan nicht erreichbar. Typisch Nick, rennt mit einem leeren Akku durchs Gelände.
Wir rufen die Homepage vom „Mercy Seat“ auf. Wir sind irritiert.
HEUTE GESCHLOSSEN
Ich logge mich bei Hotmail ein. Im Posteingang ist einiges. TomTom, Siouxsie, her Captain. Niemand kann Nick oder Kati erreichen, keiner hat eine Ahnung. Virtuelles Schulterzucken überall.
TomTom ist clever. Der Hintereingang vom “Mercy Seat” ist nicht leicht zu finden. Nicht jeder weiß, wo der ist. Deshalb hat er den Weg beschrieben. Er ist oft schon einen Schritt weiter, er kann schnell denken.
Luz ist unruhig. Ich auch. Wir gehen viel zu früh los. Vorne hängt ein HEUTE GESCHLOSSEN Schild. Am Durchgang zum Hinterhof treffen wir auf Siouxsie, Zeus und den Captain. An der Tür warten schon Betty, Snake und der Preacherman. TomTom und Pete sind nur kurz danach auch da. Der ganze Haufen, alle zu früh. Ungewöhnlich.
Sorgenvolle Blicke werden getauscht. Keiner spricht.
Die Tür wird geöffnet. Kati. Sie guckt ernst. Wir gehen rein, sammeln uns um die beiden Stehtische. Nick ist nicht da. Kati bring uns Getränke.
Die Gläser bimmeln nur halbherzig.
Kati sucht nach Worten. Wir sind ungeduldig, wollen wissen, was los ist, aber wir lassen ihr die Zeit, die sie braucht.
„Nick ist hier heute Mittag vor der Tür verkloppt worden. Er hat ganz schon was abgekriegt, aber nichts, was nicht wieder weg geht. Zum Doc will er nicht, ihr kennt ihn ja. Keine Ahnung wer das war. Auf die Sheriffs hat er auch keinen Bock.“
Typisch Nick. Von staatlichen Institutionen hält er nicht viel.
Großes Palaver, wilde Spekulationen.
Schnell sind wir uns einig, dass das nur mit diesem verfluchten Deal zu tun haben kann. Hat Seelmann Schläger angeheuert? Oder sonst wer, der da mit drin hängt? Was machen wir jetzt? Sollen wir aufhören und hoffen, dass alles von alleine gut wird?
Kati hört die ganze Zeit schweigend zu.
„Leute, jetzt mal ganz in Ruhe.“
Ruhe kehrt ein, wir sehen sie an.
„Also, das sind ja alles nur Vermutungen. Nick weiß nicht, wer ihn da aufgemischt hat. Er hat den Laden seit über zwanzig Jahren, da kann irgendwer mal sauer geworden sein. Oder was auch immer. Jedenfalls will der nicht, dass wir jetzt einfach aufhören und abwarten, was denn so passiert. Das „Mercy Seat“ ist Nicks Leben.“
Sie macht eine kurze Pause.
„Und meins auch, wir können das nicht aufgeben. Wir dürfen das nicht verlieren.“
Sie dreht sich um und geht Richtung Theke.
„Ich mach uns noch eine Fuhre.“
Mein Blick macht die Runde. Niemand außer mir scheint die Tränen in Katis Augen wahrgenommen zu haben. Sie war aber auch blitzschnell weg. Wenn Kati getauft worden wäre und ich in der Kirche gewesen wäre, wäre ich damals ihr Patenonkel geworden. Viel wäre und wenn, aber auch wenn Frauen mit Tränen in den Augen gar nicht mein Ding sind, drücke ich mich nicht.
Also auch zur Theke.
„Geben wir auf?“
Ich schüttle den Kopf.
„Never.“
Erleichterung. Sie lächelt. In meinem Kopf macht sich ein Gedanke breit.
„Gehörst du zu den Sprayern?“
Jetzt schüttelt sie den Kopf.
„Aber du kennst die, du weißt, wer die sind?“
„Ich weiß nicht. Wirklich nicht. Wahrscheinlich kenne ich die, habe aber keine Ahnung, wer dahinter steckt. Das könnten gut welche von meinen Gästen hier sein. Irgendwer hat mir den Link zum Blog per WhatsApp und Facebook geschickt. Das war genau, als der online ging, muss deshalb eigentlich von denen gekommen sein.“
Kati unterscheidet ein wenig zwischen ihren und Nicks Gästen. Und sie hat Recht. Viele von den Jüngeren kommen auch wegen ihr. Besonders die Jungs. Kati ist ein echter Hingucker. Sie hat das Aussehen ihrer Mutter, aber das Wesen ihres Vaters geerbt. The Best Of Both Worlds.
„Können wir da nicht Kontakt herstellen?”
„Habe ich versucht. Aber bei WhatsApp ist der Absender nie wieder eingeloggt gewesen. Das Profil bei Facebook war auch sofort gelöscht. Der Name war BD-RIP-1936.“
Buenaventura Durruti. Gestorben 1936. Da gibt sich aber jemand wirklich Mühe und recherchiert genau.
Wer sind diese Sprayer, die sich irgendwie mit uns verbündet zu haben scheinen. Die gehen sehr geschickt und vorsichtig vor. Sowohl beim Sprayen also auch in anderen Dingen. Wir können nur vermuten, dass sie Kati kennen und vielleicht im „Mercy Seat“ Gäste sind. Mehr nicht, das ist wenig. Vielleicht kann DreiElf was über ihre Aktivitäten im Netzt herausfinden.
Kati weckt mich aus meinen Gedanken.
„Waller, ich mach mir schon Sorgen. Kannst du mich mal drücken?“
Kann ich , mach ich.
Kati hat die Getränke fertig und wir kehren zu den anderen zurück.
Die Gläser bimmeln schon zuversichtlicher.
Pete wiederholt seine Aussage von heute Morgen.
„Nichts zu tun ist für mich keine Option.“
Und alle stimmen ihm zu. Wir werden was tun. Was auch immer. Zumindest werden wir das versuchen. Und wir werden vorsichtig sein.
Nick und Kati müssen besonders aufpassen, bis klar ist, wer Nick verprügelt hat. Keiner von beiden soll alleine ins „Mercy Seat“ gehen, besser noch mit zusätzlicher Begleitung. Der Preacherman und der Captain bieten sich an. Sie haben beide auch tagsüber Zeit. Kati hat auch noch Freunde, die da einspringen können.
Snake hat eine Idee.
„Wir haben uns noch nicht bei Stefanie für ihre Hilfe bedankt. Das sollten wir machen, vielleicht erfahren wir dabei noch das eine oder andere.“
Er kramt sein Handy heraus.
„Ich habe die Nummer, ich war dabei als sie hier mit Nick gesprochen hat.“
Er wählt, es klingelt, Stefanie geht dran.
„Hallo, hier ist Snake. Ich möchte mich bedanken, dass du uns geholfen hast.“
Snake nickt zufrieden, sie scheint von dem Anruf nicht entsetzt zu sein.
Er erzählt ihr, was mit Nick passiert ist und fragt, ob er den Lautsprecher einschalten darf, damit wir mithören können. Sie scheint nichts dagegen zu haben, denn Snake drückt ein paar Tasten und legt das Telefon mitten auf den Tisch. Alle begrüßen sie, auch die, die sie gar nicht kennen.
Sie erzählt uns, dass Seelmann sie nicht in Verdacht hat und ihr glaubt. Allerdings ist Seelmann von dieser Theorie mit dem Konkurrenten nicht so wirklich überzeugt. Er denkt eher, dass da was anderes hinter steckt. Eine richtige Ahnung hat er aber auch nicht.
„Meinst du Seelmann hat Nick die Schläger auf den Hals gehetzt?“
„Zutrauen würde ich ihm so etwas. Der ist schon so lange in einer harten Branche erfolgreich, dass er wenig Skrupel haben sollte. Und der kennt sicher ein paar Jungs vom Bau, die für ein paar Euro so ein Ding durchziehen. Ich weiß aber nicht, ob er hier was angeleiert hat.“
Interessant. Das sollten wir im Auge behalten.
„Noch was. Hier sind in letzter Zeit ein paar Zahlungsaufforderungen vom „Salome“ eingegangen. Ich glaube nicht, dass der Seelmann da selbst hingeht. Da war jemand anderes, aber der Seelmann hat bezahlt. In bar. Schwarz. Keine richtigen Belege.“
Als wir gerade das Gespräch beenden wollen, macht der Preacherman noch eine Geste. Er scheint noch was sagen zu wollen.
„Als Waller und ich euer Büro besucht haben, ist mir noch was aufgefallen. In den Fächer für die neuen Projekte im Regal war nicht viel drin.“
„Ja, ja. Es läuft seit einiger Zeit nicht gut. Neue Projekte gibt es im Moment kaum und die letzten sind auch noch in die Hose gegangen. So windige Sachen wie jetzt hier hat der Seelmann vorher nicht gemacht. Windig ja, aber nicht so windig. Der hat echte finanzielle Probleme. Der steht unter Druck.“
Wir sehen uns an und verabschieden uns dann von ihr.
Sie ist eine Frau von Ehre.
TomTom runzelt die Stirn.
„Wissen wir eigentlich, warum sie das macht? Warum gibt sie uns die Infos über Seelmann?“
Gute Frage. Kopfschütteln. Schulterzucken.
„Salome?“
Das kommt von Betty. Der Captain kann helfen.
„Das ist unten an der Stadtgrenze in der Nähe von dem großen Baumarkt. Soll einer der besten Puffs in der Gegend sein. Und einer der teuersten.“
Wir gucken uns an. Für wen tut Seelmann das?
Kati bringt neue Getränke. Die Gläser bimmeln.
Alles wird noch mal in epischer Breite diskutiert. Hilft nicht, tut aber gut und bringt Spaß.
Wir verlassen alle zusammen das „Mercy Seat“. Der Preacherman bringt Kati nach Hause. Beim Verabschieden frage ich TomTom, wo der den Preacherman gestern abgesetzt hat.
„Quasi irgendwo im Nirgendwo in der Nähe der Stadtgrenze. Dann ist er zu Fuß durch die Felder weiter. Wohin auch immer.“
Wir wissen nicht viel über den Preacherman.
Luz nimmt meine Hand. Wir gehen heim.
Möge die Macht mit uns sein.
***
Am Freitag geht es weiter.
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