Donnerstag, 5. Januar 2017
12 Magazine “Shot By Both Sides”
krawallek, 22:35h
Freitag
Wieder im Rathaus. Ich bin gerade angekommen‚vorher habe ich Pete den Plan erklärt. Wir sind bereit. Pete beobachtet den Blog. Sobald der Eintrag online ist, schickt er mir eine SMS.
Das Handy vibriert in meiner Tasche. Ein kurzer Blick auf das Display. Uhrzeit genau einprägen. Auf die Sekunde. Ich habe jetzt genau fünf Minuten. Los geht’s.
Von meinem Platz aus habe ich ein Büro im Auge behalten. Der Mann den ich besuchen möchte ist drin und er ist alleine.
Ab jetzt nicht mehr, denn nun bin ich auch drin.
„Hallo Carsten, wie geht es dem werten Herrn Schmitz denn so?“
Er schaut mich an und fragt sich wahrscheinlich, was ausgerechnet ich ausgerechnet heute ausgerechnet hier will. Wir haben eigentlich nie was miteinander zu tun und zumindest ich kann ihn nicht wirklich leiden. Er ist ein Arschloch.
Von ihm kommt nach einem längeren, nachdenklichen Zögern ein vorsichtiges Hallo.
Mein Handy halte ich so, das ich unauffällig die Uhrzeit erkennen kann.
Seelmann hat ihn schon angerufen, das sehe ich seinem Gesicht eindeutig an. Das war kein schönes Gespräch, da bin ich mir sicher. Er sieht schon ein wenig so aus, als hätte er Angst. Auch wenn er noch nicht weiß, vor wem. Keine Ahnung, ob ich zu seinen Kandidaten gehöre, aber ich denke eher nicht. Vielleicht ändert sich das gleich aber. Mann kann nie wissen.
Er schweigt mich an, ich schweige ihn an. Er fühlt sich dabei deutlich weniger wohl als ich.
Sein Rechner macht einen Piepton. Ich kenne den Ton. Er ist an allen Rechnern in der Verwaltung gleich. Sie haben eine neue Mail. Ein Blick auf das Handy. Pete ist auf die Sekunde pünktlich.
Carsten sitzt einfach nur da, aber wie es scheint, interessiert er sich nicht für seinen Posteingang. Dabei könnte es etwas außerordentlich Wichtiges sein. Er arbeitet schließlich im öffentlichen Dienst. Offenkundig muss ihm auf die Sprünge geholfen werden. Und ich helfe gern. So bin ich halt.
„Schau ruhig rein, könnte ja wichtig sein.“
Jetzt ist er ernsthaft beunruhigt. Er weiß nicht, was hier gespielt wird. Ich schon. Da bin ich klar im Vorteil. Sein Blick geht von mir zum Bildschirm. Er sieht eine Mail von einer unbekannten Hotmail-Adresse. Pete hat ihm geschrieben. Den Link zum aktuellen Eintrag im Blog. Das geht schon aus der Betreffzeile hervor.
Sein Gesicht ist in Bewegung. Könnte vom Denken kommen. Macht er vielleicht nicht oft. Seine Mimik verrät mir, dass der den Blog kennt und sich jetzt fragt, was das denn jetzt soll.
Die Antwort würde er mit einem Klick bekommen können, aber er guckt vom Bildschirm zu mir und dann wieder zurück und dann wieder zurück zu mir. Hoffentlich zerrt er sich nicht den Halsmuskel.
„Waller, was ist hier los?“
Schulterzucken.
„Keine Ahnung, wovon du redest.“
„Hier stimmt doch was nicht.“
Jetzt klickt er endlich auf den Link. Im Browser öffnet sich die Seite. Und er wird bleich. Nicht nur ein bisschen, nein so richtig. Totenbleich.
Ich weiß, was er sieht. Es scheint ihm nicht zu gefallen.
Luz hat den Sprayern seine Adresse gegeben und einen Stromkasten beschrieben, der dort seitlich am Zaun steht. Was man im Internet nicht alles herausfinden kann, ohne das Haus verlassen zu müssen. Auf den sollten sie den VOD-Schriftzug machen. Und den sollten sie so fotografieren, dass das Haus dahinter gut erkennbar ist.
So wie er aussieht, hat alles wunderbar funktioniert. Das würde ich mir später auch angucken. Mich wird es aber eindeutig weniger aufregen.
Der Mann sieht aus als würde er etwas Ruhe brauchen können. Erst das Telefonat mit Seelmann, jetzt das. Es ist der richtige Augenblick für mich zu gehen. Er soll Zeit bekommen in Ruhe nachzudenken. Und ich halte ihn nicht unbedingt für einen Schnelldenker. Das kann eventuell also dauern.
„Waller, was geht hier ab?“
„Keine Ahnung, was du meinst.“
Ab durch die Tür und Richtung Treppe.
Hinter mir höre ich ihn noch einmal nach mir rufen.
Auf dem Weg in die Stadt klingelt das Handy. DreiElf hat mich aus seinem Fenster gesehen und will sich mit mir im Café treffen.
Der Kaffee tut gut. DreiElf ist schnell da und setzt sich zu mir.
„Was hast du im Rathaus gemacht?’“
„Carsten Schmitz besucht.“
DreiElf mustert mich skeptisch.
„Der Typ ist ein Arschloch, aber ich wollte ihm beim Surfen im Netz zugucken.“
DreiElf mustert mich äußerst skeptisch.
„Guck dir gleich mal den neuen Eintrag im Blog an. Das ist sein Haus. Und ich wollte dabei sein, wenn er die Fotos zum ersten Mal sieht.“
DreiElf wird ins Bild gesetzt. Über Seelmann und Schmitz. Er wirkt ein wenig beeindruckt.
„Da habt ihr aber ganz schön Gas gegeben. Leider kann ich da nicht mithalten. Ich bin leider noch nicht weiter.“
Der nimmt einen Schluck aus seiner Tasse.
„Es gibt keine Spuren, die ich eindeutig einem der drei Admins zuordnen kann. Der hat dabei keine Fehler gemacht. Saubere Arbeit. Das ist aber auch allen dreien zuzutrauen.“
Er lächelt gequält.
„Wir sind eine der wenigen richtigen Fachabteilungen in der ganzen Verwaltung.“
Jetzt müssen wir beide grinsen. Wo er Recht hat, hat er Recht.
„Hast du gehört, ob der OB noch was über mich gesagt hat?“
„Ich glaube, wenn er deinen Namen im Moment in den Mund nehmen würde, müsste er kotzen.“
„Dabei hat der eine Art, dass ich laufend kotzen könnte.“
DreiElf lacht schallend. Er kennt die richtigen Filme. Musikalisch ist er aber eher Diaspora. 70er Progrock halt.
Wir gehen unserer Wege.
Zurück an meinem Schreibtisch. Pete und ich starren auf den Bildschirm. Wir haben den Blog aufgerufen und gucken uns die Bilder an. Was ist das für eine Truppe? Die sind clever und die sind gut, nicht nur beim Sprayen. Ich bin neugierig, aber wir haben keine Ahnung. Vielleicht saßen die Mittwoch im „Mercy Seat“ am Nebentisch und haben über die ahnungslosen alten Menschen gelacht.
Pete trommelt mit den Finger auf dem Tisch.
„Ich würde dem Schmitz gerne noch einen mitgeben. Das st so eine Pfeife, den kann ich echt nicht ab.“
Pete ist ein Menschenkenner. Zweifelsfrei.
„Pete, ich habe eine Idee. Nicht spektakulär, aber besser als nichts. Soll er noch was zum Nachdenken bekommen.“
Schnell lege ich ein neues Hotmail-Konto an. Er müsste auf jeden Fall noch im Büro sein. Zu früh für Feierabend. Also eine Mail an CarstenDotSchmitz vom neuen Konto geschickt.
Wir wissen ganz genau, was du machst. Wir beobachten dich. VOD!
Pete guckt zufrieden. Nicht viel, aber doch etwas.
Das Ende des Gesprächs mit DreiElf hat bei mir Begehrlichkeiten geweckt. Ich will ins Kino. In einen ganz bestimmten Film. Und die Programmsonne lacht mich an. Der Film läuft heute. In der „Flimmerkiste“. Da können wir sogar gut mit der Bahn hin.
Ich schicke Luz eine Mail. Sie wird sich freuen. Zumindest vielleicht ein wenig. Ich aber um so mehr.
Blues Brothers. Lange nicht gesehen.
Wir sind im Auftrag des Herrn unterwegs.
***
Am Montag geht es weiter.
Wieder im Rathaus. Ich bin gerade angekommen‚vorher habe ich Pete den Plan erklärt. Wir sind bereit. Pete beobachtet den Blog. Sobald der Eintrag online ist, schickt er mir eine SMS.
Das Handy vibriert in meiner Tasche. Ein kurzer Blick auf das Display. Uhrzeit genau einprägen. Auf die Sekunde. Ich habe jetzt genau fünf Minuten. Los geht’s.
Von meinem Platz aus habe ich ein Büro im Auge behalten. Der Mann den ich besuchen möchte ist drin und er ist alleine.
Ab jetzt nicht mehr, denn nun bin ich auch drin.
„Hallo Carsten, wie geht es dem werten Herrn Schmitz denn so?“
Er schaut mich an und fragt sich wahrscheinlich, was ausgerechnet ich ausgerechnet heute ausgerechnet hier will. Wir haben eigentlich nie was miteinander zu tun und zumindest ich kann ihn nicht wirklich leiden. Er ist ein Arschloch.
Von ihm kommt nach einem längeren, nachdenklichen Zögern ein vorsichtiges Hallo.
Mein Handy halte ich so, das ich unauffällig die Uhrzeit erkennen kann.
Seelmann hat ihn schon angerufen, das sehe ich seinem Gesicht eindeutig an. Das war kein schönes Gespräch, da bin ich mir sicher. Er sieht schon ein wenig so aus, als hätte er Angst. Auch wenn er noch nicht weiß, vor wem. Keine Ahnung, ob ich zu seinen Kandidaten gehöre, aber ich denke eher nicht. Vielleicht ändert sich das gleich aber. Mann kann nie wissen.
Er schweigt mich an, ich schweige ihn an. Er fühlt sich dabei deutlich weniger wohl als ich.
Sein Rechner macht einen Piepton. Ich kenne den Ton. Er ist an allen Rechnern in der Verwaltung gleich. Sie haben eine neue Mail. Ein Blick auf das Handy. Pete ist auf die Sekunde pünktlich.
Carsten sitzt einfach nur da, aber wie es scheint, interessiert er sich nicht für seinen Posteingang. Dabei könnte es etwas außerordentlich Wichtiges sein. Er arbeitet schließlich im öffentlichen Dienst. Offenkundig muss ihm auf die Sprünge geholfen werden. Und ich helfe gern. So bin ich halt.
„Schau ruhig rein, könnte ja wichtig sein.“
Jetzt ist er ernsthaft beunruhigt. Er weiß nicht, was hier gespielt wird. Ich schon. Da bin ich klar im Vorteil. Sein Blick geht von mir zum Bildschirm. Er sieht eine Mail von einer unbekannten Hotmail-Adresse. Pete hat ihm geschrieben. Den Link zum aktuellen Eintrag im Blog. Das geht schon aus der Betreffzeile hervor.
Sein Gesicht ist in Bewegung. Könnte vom Denken kommen. Macht er vielleicht nicht oft. Seine Mimik verrät mir, dass der den Blog kennt und sich jetzt fragt, was das denn jetzt soll.
Die Antwort würde er mit einem Klick bekommen können, aber er guckt vom Bildschirm zu mir und dann wieder zurück und dann wieder zurück zu mir. Hoffentlich zerrt er sich nicht den Halsmuskel.
„Waller, was ist hier los?“
Schulterzucken.
„Keine Ahnung, wovon du redest.“
„Hier stimmt doch was nicht.“
Jetzt klickt er endlich auf den Link. Im Browser öffnet sich die Seite. Und er wird bleich. Nicht nur ein bisschen, nein so richtig. Totenbleich.
Ich weiß, was er sieht. Es scheint ihm nicht zu gefallen.
Luz hat den Sprayern seine Adresse gegeben und einen Stromkasten beschrieben, der dort seitlich am Zaun steht. Was man im Internet nicht alles herausfinden kann, ohne das Haus verlassen zu müssen. Auf den sollten sie den VOD-Schriftzug machen. Und den sollten sie so fotografieren, dass das Haus dahinter gut erkennbar ist.
So wie er aussieht, hat alles wunderbar funktioniert. Das würde ich mir später auch angucken. Mich wird es aber eindeutig weniger aufregen.
Der Mann sieht aus als würde er etwas Ruhe brauchen können. Erst das Telefonat mit Seelmann, jetzt das. Es ist der richtige Augenblick für mich zu gehen. Er soll Zeit bekommen in Ruhe nachzudenken. Und ich halte ihn nicht unbedingt für einen Schnelldenker. Das kann eventuell also dauern.
„Waller, was geht hier ab?“
„Keine Ahnung, was du meinst.“
Ab durch die Tür und Richtung Treppe.
Hinter mir höre ich ihn noch einmal nach mir rufen.
Auf dem Weg in die Stadt klingelt das Handy. DreiElf hat mich aus seinem Fenster gesehen und will sich mit mir im Café treffen.
Der Kaffee tut gut. DreiElf ist schnell da und setzt sich zu mir.
„Was hast du im Rathaus gemacht?’“
„Carsten Schmitz besucht.“
DreiElf mustert mich skeptisch.
„Der Typ ist ein Arschloch, aber ich wollte ihm beim Surfen im Netz zugucken.“
DreiElf mustert mich äußerst skeptisch.
„Guck dir gleich mal den neuen Eintrag im Blog an. Das ist sein Haus. Und ich wollte dabei sein, wenn er die Fotos zum ersten Mal sieht.“
DreiElf wird ins Bild gesetzt. Über Seelmann und Schmitz. Er wirkt ein wenig beeindruckt.
„Da habt ihr aber ganz schön Gas gegeben. Leider kann ich da nicht mithalten. Ich bin leider noch nicht weiter.“
Der nimmt einen Schluck aus seiner Tasse.
„Es gibt keine Spuren, die ich eindeutig einem der drei Admins zuordnen kann. Der hat dabei keine Fehler gemacht. Saubere Arbeit. Das ist aber auch allen dreien zuzutrauen.“
Er lächelt gequält.
„Wir sind eine der wenigen richtigen Fachabteilungen in der ganzen Verwaltung.“
Jetzt müssen wir beide grinsen. Wo er Recht hat, hat er Recht.
„Hast du gehört, ob der OB noch was über mich gesagt hat?“
„Ich glaube, wenn er deinen Namen im Moment in den Mund nehmen würde, müsste er kotzen.“
„Dabei hat der eine Art, dass ich laufend kotzen könnte.“
DreiElf lacht schallend. Er kennt die richtigen Filme. Musikalisch ist er aber eher Diaspora. 70er Progrock halt.
Wir gehen unserer Wege.
Zurück an meinem Schreibtisch. Pete und ich starren auf den Bildschirm. Wir haben den Blog aufgerufen und gucken uns die Bilder an. Was ist das für eine Truppe? Die sind clever und die sind gut, nicht nur beim Sprayen. Ich bin neugierig, aber wir haben keine Ahnung. Vielleicht saßen die Mittwoch im „Mercy Seat“ am Nebentisch und haben über die ahnungslosen alten Menschen gelacht.
Pete trommelt mit den Finger auf dem Tisch.
„Ich würde dem Schmitz gerne noch einen mitgeben. Das st so eine Pfeife, den kann ich echt nicht ab.“
Pete ist ein Menschenkenner. Zweifelsfrei.
„Pete, ich habe eine Idee. Nicht spektakulär, aber besser als nichts. Soll er noch was zum Nachdenken bekommen.“
Schnell lege ich ein neues Hotmail-Konto an. Er müsste auf jeden Fall noch im Büro sein. Zu früh für Feierabend. Also eine Mail an CarstenDotSchmitz vom neuen Konto geschickt.
Wir wissen ganz genau, was du machst. Wir beobachten dich. VOD!
Pete guckt zufrieden. Nicht viel, aber doch etwas.
Das Ende des Gesprächs mit DreiElf hat bei mir Begehrlichkeiten geweckt. Ich will ins Kino. In einen ganz bestimmten Film. Und die Programmsonne lacht mich an. Der Film läuft heute. In der „Flimmerkiste“. Da können wir sogar gut mit der Bahn hin.
Ich schicke Luz eine Mail. Sie wird sich freuen. Zumindest vielleicht ein wenig. Ich aber um so mehr.
Blues Brothers. Lange nicht gesehen.
Wir sind im Auftrag des Herrn unterwegs.
***
Am Montag geht es weiter.
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