Sonntag, 1. Januar 2017
11 Siglo XX „Fear“
krawallek, 20:17h
Donnerstag
Fast halb sechs. Bewölkt. Es ist stockdunkel. Wir haben Luz Fiat in einer finsteren Seitengasse abgestellt und sind dann zu Fuß weiter. Zwei Minuten warten wir noch. Wenn bis dahin keine SMS kommt, gehen wir rein.
Das Handy bleibt stumm.
Wir setzen die Hüte ab und legen die langen Mäntel weg. Die Klamotten kommen unter das Vordach von einem kleinen Schuppen neben uns.
Abmarsch.
Der Hintereingang ist nicht verschlossen. Also rein und die Treppen hoch.
Der Preacherman und ich gehen schweigend nebeneinander den Gang entlang. Wir wissen was wir wollen, aber nicht genau, wie wir das erreichen sollen. Improvisation ist angesagt.
Weit kann es nicht mehr sein. Neben einer neu wirkenden Tür zeigt uns das Namensschild, dass wir richtig sind.
Die Tür wirkt neu, weil sie neu ist. Ihre Vorgängerin ist vor kurzer Zeit aufgebrochen worden.
Wir gucken uns an. Los geht’s.
Gerade will ich die Hand auf die Klinke legen, als mich der Preacherman antippt und mir mit einer kurzen Kopfbewegung zu versehen, dass ich zur Seite gehen soll.
Mir macht das nichts, er kann gerne vorgehen. Er grinst mich an und zeigt auf eine Aufschrift mitten auf der Glastür.
BITTE LEISE EINTRETEN
Dann geht es blitzschnell. Der Preacherman setzt einen gekonnt aussehenden, gewaltigen Kick mit der Sohle einer seiner schweren Stiefel an.
Das Glas explodiert quasi. Leise hat nicht unbedingt geklappt. Eintreten hingegen schon.
Der Preacherman überrascht mich.
Wir betreten das Büro. Hinter dem Schreibtisch sitzt eine Frau um die vierzig. Sie wirkt nicht, wenig überraschend, reichlich erschüttert. Ihre rechte Hand bewegt sich zum Telefon.
„Ich würde das lassen.“
Die tiefe Stimme vom Preacherman zeigt Wirkung. Die Frau ist schnell überzeugt, dass er Recht hat. Die Hand bewegt sich zügig wieder vom Hörer weg.
Rechts von uns wird eine Tür geöffnet. Ein Mann, den ich neulich schon einmal gesehen habe, stürmt in das Vorzimmer. Seelmann. Das trifft sich hervorragend, denn genau zu dem wollen wir. Wenn ich sagen würde, dass ich mich freue, heute so richtig seine Bekanntschaft zu machen, würde ich lügen. Es hätte weiterhin gereicht, ihn nur vom sehen zu kennen. Oder auch vom wegsehen. Aber er freut sich bestimmt auch nicht, die unserige zu machen. Zumindest sieht er gerade nicht so aus. Er öffnet den Mund und schließt ihn kurz danach wieder. Ohne ein Wort. Die Situation scheint ihn zu irritieren. Und der Preacherman scheint ihn deutlich mehr zu beeindrucken, als die zwei Banker letzte Woche. Er brüllt den Preacherman nicht an. Er macht eindeutig einen eher eingeschüchterten Eindruck.
Bevor sich das aber doch noch ändert und er womöglich plötzlich auf irgendwelche dummen Ideen kommt, hilft ihm der Preacherman mit einem guten Ratschlag weiter.
„Setz dich.“
Seelmann ist sofort einsichtig, dass das ein guter Vorschlag ist, und setzt sich.
Von seinem Platz aus kann er seine Sekretärin nicht sehen. Stefanie lächelt schnell zu uns rüber. Sie hat uns durch den Hintereingang ins Gebäude gelassen.
Sie ist eine Frau von Ehre.
Bis vor zwei Tagen kannte sie keiner von uns, dann kam sie ins „Mercy Seat“ und wollte den Chef sprechen. Nick wunderte sich zwar, aber nach mehr als zwanzig Jahren Dienst in der freien Wirtschaft, stellt man sich fast jeder und jedem. Zumindest verbal.
Stefanie kam auch schnell zum Punkt und erzählte Nick, dass sich Seelmann mehr oder weniger illegal, das Gewerkschaftshaus unter den Nage reißen will. Dass war jetzt für Nick nicht mehr so neu, aber sie bot im Hilfe an, auch wenn sie das womöglich den Job kosten könnte.
Und diese Hilfe haben wir heute benötigt und bekommen. Nur deshalb sind wir jetzt hier.
Sie ist eine Frau von Ehre.
Wir verziehen keine Miene, sondern fixieren Seelmann mit den Augen. Er hat Angst. Das ist gut. Menschen mit Angst machen Fehler.
Der Preacherman baut sich vor dem Stuhl auf. Aus der Innentasche seiner Jacke holt er einen kleinern, aber gemein aussehenden Schlagstock hervor. Er betrachtet ihn beinahe zärtlich, ehe er Seelmann wieder direkt in die Augen schaut.
Von dem Schlagstock habe ich nichts gewusst. Er ist heute voller Überraschungen. Ich weiß einfach, dass er ihn nicht schlagen wird. Stefanie weiß das jedoch nicht. Sie blickt ängstlich zu mir rüber. Ich kann unbemerkt eine beruhigende Geste in ihre Richtung machen. Seelmann schenkt mir im Moment keinerlei Beachtung. Es ist vom Preacherman und seiner Waffe vollkommen fasziniert.
Er schwitzt. Das kann ich auf seinem Hemd unter den Achseln sehen. Ich finde es eher kühl. Wegen der kaputten Tür zieht es ein wenig.
Der Preacherman sammelt sich.
„Wir sind wegen des Deals mit dem Gewerkschaftshaus hier.“
Der Satz steht im Raum. Seelmann ist verwirrt. Er hat das für einen Überfall gehalten. Der Preacherman macht eine Bewegung mit dem Schlagstock. Sofort hat er die Aufmerksamkeit von Seelmann zurück.
„Wir wollen wissen, wer die Erbengemeinschaft ist. Namen. Adressen. Alles.“
Ich bewundere diesen spontanen Einfall. Die Namen wissen wir schon, so dass wir jetzt sofort erkennen können, ob er mit uns kooperiert oder sich für oberschlau hält und meint uns linken zu können.
„Martin Beier. Heike Kaiser. Die Adressen muss Ihnen Frau Hilpert geben.“
Die Namen stimmen. Seelmann hat richtig Angst. Er kann die Situation nicht einschätzen. Er schwitzt auch stärker. Ich kann seine Angst jetzt auch riechen. Müsste aber nicht sein, ginge auch so. Der Typ müffelt reichlich unangenehm.
Stefanie greift sich einen Ordner, sucht und fängt an zu schreiben.
Der Preacherman fragt weiter.
„Der OB hängt da mit drin?“
„Hier nicht.“
In der Geschichte speziell also nicht. Aber woanders dann wohl schon. Das sollten wir auf keinen Fall aus den Augen verlieren.
„Sondern?“
Der Preacherman hakt nach. Seelmann zögert. Aber nur kurz.
„Er öffnet eher Türen oder ebnet Wege.“
„Wer ist denn dann dein Mann bei der Stadt?“
Seelmann schweigt. Der Preacherman blickt auf den Schlagstock. Seelmann nennt einen Namen. Der Preacherman blickt unauffällig in meine Richtung. Er will wissen, ob ich den Mann kenne. Ich nicke ihm ganz dezent zu.
„Und sonst?“
„Niemand.“
Wir glauben ihm. Seelmann ist zu verängstigt. Zeit zu verschwinden. Wir lassen uns die Handys geben und schließen sie zusammen mit den Mobilteilen der anderen beiden Telefone in einem stabil aussehenden Schrank ein. Stefanie hat uns vorher gesagt, dass Seelmann nur ein Handy hat. Wir werfen den kleinen Schlüssel aus dem Fenster.
„Halt dich vom Gewerkschaftshaus ab jetzt fern. Die Sache übernehmen wir. Das ist jetzt unsere Baustelle.“
Damit wollen wir ihn auf eine falsche Fährte lotsen. Er soll nach Möglichkeit denken, dass die Konkurrenz ihm da übel mitspielt.
Direkt neben dem Büro ist der Fahrstuhl. Ich gehe zuerst raus und drücke den Knopf. Der Fahrstuhl kommt. Leer. Ich rufe den Preacherman. Ab in den Keller und hinten raus. Zum Schuppen. Mantel an, Hut auf. Über einen Zaun und weg. Niemand scheint uns gesehen zu haben.
Kurz danach sitzen wir im Fiat und hauen ab. Unterwegs fragt der Preacherman nach dem Typ den Seelmann genannt hat. Der ist aber nur ein kleines Licht. Da muss zweifelsfrei noch jemand hinter sein.
Jetzt hängt alles von Stefanie ab. Ich sehe den Preacherman an.
„Ich weiß eigentlich nichts über dich.“
Er macht eine abwehrende Handbewegung.
„Nicht jetzt. Später. Vielleicht.“
Wir fahren schweigend weiter.
Luz freut sich, dass wir zurück sind. Wir sitzen in der Küche und erzählen. Das Radio läuft.
Endlich der Bericht, auf den wir warten. Das Lokalradio interviewt die Sekretärin des Baulöwen. Volle Anspannung. Was sie jetzt sagt, hat sie auch den Sheriffs erzählt.
Und wir lauschen ihrem Märchen von den beiden Männern mit Tüchern vorm Gesicht, Sonnenbrillen, Lederjacken und blauen Jeans. Sie glaubt ganz fest, dass das Schlägerkommando von der Konkurrenz geschickt worden ist. Zur Einschüchterung. Sie sagt nichts, was auch nur im Ansatz auf uns deutet.
Sie hat ihr Wort voll und ganz gehalten. Sie ist eine Frau von Ehre.
Seelmann steht für ein Interview nicht zur Verfügung.
Wir atmen auf. Der Preacherman macht sich vom Acker. Luz brütet vor sich hin. Dann nickt sie und beginnt zu lächeln. Ihr ist was eingefallen.
„Wir müssen die Sprayer anmailen. In dem Büro vom Seelmann ist zwar schon ein Zeichen vom Einbruch, aber die dürfen auf keinen Fall noch eins dort machen. Das würde irgendwie verdächtig aussehen.“
Der Laptop wird hochgefahren. Anmelden. Einloggen. Luz schreibt.
„Ihr habt mir den Link zu dem Blog geschickt. Wenn ich was von euch will, soll ich mich melden.
Sie sieht mich an. Nicken. Senden. Die Antwort kommt beinahe postwendend.
Du musst dich identifizieren. Deine Initialen und die von unserem Schutzpatron.
Ich grüble noch aber Luz schreibt schon.
MK und BD
Buenaventura Durruti.
In ihren Adern fließt revolutionäres katalanisches Blut.
Alles klar. Was möchtest du?
Luz fragt mich nach einer Adresse. Ich kenne die nicht. Wir holen uns die Info im Netz. Luz fängt an zu tippen, ich lese mit.
Sie schreibt, dass auf keinen Fall ein Zeichen an das Bürogebäude darf. Dann schlägt sie vor, wo und wie heute Nacht ein Zeichen gemacht werden könnte. Und das wir dann morgen früh um zehn einen Eintrag im Blog mit Bildern dazu haben möchten.
Die Antwort ist kurz.
Geht klar!
Dann erzählt mir Luz, was ich am nächsten Tag tun soll. Der Plan ist brillant. Das wird sicher Wirkung zeigen.
Sie strahlt mich an. Meine Gefährtin. Luz. Lucia Emanuele Gomez Gonzales.
In Ihren Adern fließt revolutionäres katalanisches Blut.
Hasta la victoria siempre!
***
Am Freitag eht es weiter
Fast halb sechs. Bewölkt. Es ist stockdunkel. Wir haben Luz Fiat in einer finsteren Seitengasse abgestellt und sind dann zu Fuß weiter. Zwei Minuten warten wir noch. Wenn bis dahin keine SMS kommt, gehen wir rein.
Das Handy bleibt stumm.
Wir setzen die Hüte ab und legen die langen Mäntel weg. Die Klamotten kommen unter das Vordach von einem kleinen Schuppen neben uns.
Abmarsch.
Der Hintereingang ist nicht verschlossen. Also rein und die Treppen hoch.
Der Preacherman und ich gehen schweigend nebeneinander den Gang entlang. Wir wissen was wir wollen, aber nicht genau, wie wir das erreichen sollen. Improvisation ist angesagt.
Weit kann es nicht mehr sein. Neben einer neu wirkenden Tür zeigt uns das Namensschild, dass wir richtig sind.
Die Tür wirkt neu, weil sie neu ist. Ihre Vorgängerin ist vor kurzer Zeit aufgebrochen worden.
Wir gucken uns an. Los geht’s.
Gerade will ich die Hand auf die Klinke legen, als mich der Preacherman antippt und mir mit einer kurzen Kopfbewegung zu versehen, dass ich zur Seite gehen soll.
Mir macht das nichts, er kann gerne vorgehen. Er grinst mich an und zeigt auf eine Aufschrift mitten auf der Glastür.
BITTE LEISE EINTRETEN
Dann geht es blitzschnell. Der Preacherman setzt einen gekonnt aussehenden, gewaltigen Kick mit der Sohle einer seiner schweren Stiefel an.
Das Glas explodiert quasi. Leise hat nicht unbedingt geklappt. Eintreten hingegen schon.
Der Preacherman überrascht mich.
Wir betreten das Büro. Hinter dem Schreibtisch sitzt eine Frau um die vierzig. Sie wirkt nicht, wenig überraschend, reichlich erschüttert. Ihre rechte Hand bewegt sich zum Telefon.
„Ich würde das lassen.“
Die tiefe Stimme vom Preacherman zeigt Wirkung. Die Frau ist schnell überzeugt, dass er Recht hat. Die Hand bewegt sich zügig wieder vom Hörer weg.
Rechts von uns wird eine Tür geöffnet. Ein Mann, den ich neulich schon einmal gesehen habe, stürmt in das Vorzimmer. Seelmann. Das trifft sich hervorragend, denn genau zu dem wollen wir. Wenn ich sagen würde, dass ich mich freue, heute so richtig seine Bekanntschaft zu machen, würde ich lügen. Es hätte weiterhin gereicht, ihn nur vom sehen zu kennen. Oder auch vom wegsehen. Aber er freut sich bestimmt auch nicht, die unserige zu machen. Zumindest sieht er gerade nicht so aus. Er öffnet den Mund und schließt ihn kurz danach wieder. Ohne ein Wort. Die Situation scheint ihn zu irritieren. Und der Preacherman scheint ihn deutlich mehr zu beeindrucken, als die zwei Banker letzte Woche. Er brüllt den Preacherman nicht an. Er macht eindeutig einen eher eingeschüchterten Eindruck.
Bevor sich das aber doch noch ändert und er womöglich plötzlich auf irgendwelche dummen Ideen kommt, hilft ihm der Preacherman mit einem guten Ratschlag weiter.
„Setz dich.“
Seelmann ist sofort einsichtig, dass das ein guter Vorschlag ist, und setzt sich.
Von seinem Platz aus kann er seine Sekretärin nicht sehen. Stefanie lächelt schnell zu uns rüber. Sie hat uns durch den Hintereingang ins Gebäude gelassen.
Sie ist eine Frau von Ehre.
Bis vor zwei Tagen kannte sie keiner von uns, dann kam sie ins „Mercy Seat“ und wollte den Chef sprechen. Nick wunderte sich zwar, aber nach mehr als zwanzig Jahren Dienst in der freien Wirtschaft, stellt man sich fast jeder und jedem. Zumindest verbal.
Stefanie kam auch schnell zum Punkt und erzählte Nick, dass sich Seelmann mehr oder weniger illegal, das Gewerkschaftshaus unter den Nage reißen will. Dass war jetzt für Nick nicht mehr so neu, aber sie bot im Hilfe an, auch wenn sie das womöglich den Job kosten könnte.
Und diese Hilfe haben wir heute benötigt und bekommen. Nur deshalb sind wir jetzt hier.
Sie ist eine Frau von Ehre.
Wir verziehen keine Miene, sondern fixieren Seelmann mit den Augen. Er hat Angst. Das ist gut. Menschen mit Angst machen Fehler.
Der Preacherman baut sich vor dem Stuhl auf. Aus der Innentasche seiner Jacke holt er einen kleinern, aber gemein aussehenden Schlagstock hervor. Er betrachtet ihn beinahe zärtlich, ehe er Seelmann wieder direkt in die Augen schaut.
Von dem Schlagstock habe ich nichts gewusst. Er ist heute voller Überraschungen. Ich weiß einfach, dass er ihn nicht schlagen wird. Stefanie weiß das jedoch nicht. Sie blickt ängstlich zu mir rüber. Ich kann unbemerkt eine beruhigende Geste in ihre Richtung machen. Seelmann schenkt mir im Moment keinerlei Beachtung. Es ist vom Preacherman und seiner Waffe vollkommen fasziniert.
Er schwitzt. Das kann ich auf seinem Hemd unter den Achseln sehen. Ich finde es eher kühl. Wegen der kaputten Tür zieht es ein wenig.
Der Preacherman sammelt sich.
„Wir sind wegen des Deals mit dem Gewerkschaftshaus hier.“
Der Satz steht im Raum. Seelmann ist verwirrt. Er hat das für einen Überfall gehalten. Der Preacherman macht eine Bewegung mit dem Schlagstock. Sofort hat er die Aufmerksamkeit von Seelmann zurück.
„Wir wollen wissen, wer die Erbengemeinschaft ist. Namen. Adressen. Alles.“
Ich bewundere diesen spontanen Einfall. Die Namen wissen wir schon, so dass wir jetzt sofort erkennen können, ob er mit uns kooperiert oder sich für oberschlau hält und meint uns linken zu können.
„Martin Beier. Heike Kaiser. Die Adressen muss Ihnen Frau Hilpert geben.“
Die Namen stimmen. Seelmann hat richtig Angst. Er kann die Situation nicht einschätzen. Er schwitzt auch stärker. Ich kann seine Angst jetzt auch riechen. Müsste aber nicht sein, ginge auch so. Der Typ müffelt reichlich unangenehm.
Stefanie greift sich einen Ordner, sucht und fängt an zu schreiben.
Der Preacherman fragt weiter.
„Der OB hängt da mit drin?“
„Hier nicht.“
In der Geschichte speziell also nicht. Aber woanders dann wohl schon. Das sollten wir auf keinen Fall aus den Augen verlieren.
„Sondern?“
Der Preacherman hakt nach. Seelmann zögert. Aber nur kurz.
„Er öffnet eher Türen oder ebnet Wege.“
„Wer ist denn dann dein Mann bei der Stadt?“
Seelmann schweigt. Der Preacherman blickt auf den Schlagstock. Seelmann nennt einen Namen. Der Preacherman blickt unauffällig in meine Richtung. Er will wissen, ob ich den Mann kenne. Ich nicke ihm ganz dezent zu.
„Und sonst?“
„Niemand.“
Wir glauben ihm. Seelmann ist zu verängstigt. Zeit zu verschwinden. Wir lassen uns die Handys geben und schließen sie zusammen mit den Mobilteilen der anderen beiden Telefone in einem stabil aussehenden Schrank ein. Stefanie hat uns vorher gesagt, dass Seelmann nur ein Handy hat. Wir werfen den kleinen Schlüssel aus dem Fenster.
„Halt dich vom Gewerkschaftshaus ab jetzt fern. Die Sache übernehmen wir. Das ist jetzt unsere Baustelle.“
Damit wollen wir ihn auf eine falsche Fährte lotsen. Er soll nach Möglichkeit denken, dass die Konkurrenz ihm da übel mitspielt.
Direkt neben dem Büro ist der Fahrstuhl. Ich gehe zuerst raus und drücke den Knopf. Der Fahrstuhl kommt. Leer. Ich rufe den Preacherman. Ab in den Keller und hinten raus. Zum Schuppen. Mantel an, Hut auf. Über einen Zaun und weg. Niemand scheint uns gesehen zu haben.
Kurz danach sitzen wir im Fiat und hauen ab. Unterwegs fragt der Preacherman nach dem Typ den Seelmann genannt hat. Der ist aber nur ein kleines Licht. Da muss zweifelsfrei noch jemand hinter sein.
Jetzt hängt alles von Stefanie ab. Ich sehe den Preacherman an.
„Ich weiß eigentlich nichts über dich.“
Er macht eine abwehrende Handbewegung.
„Nicht jetzt. Später. Vielleicht.“
Wir fahren schweigend weiter.
Luz freut sich, dass wir zurück sind. Wir sitzen in der Küche und erzählen. Das Radio läuft.
Endlich der Bericht, auf den wir warten. Das Lokalradio interviewt die Sekretärin des Baulöwen. Volle Anspannung. Was sie jetzt sagt, hat sie auch den Sheriffs erzählt.
Und wir lauschen ihrem Märchen von den beiden Männern mit Tüchern vorm Gesicht, Sonnenbrillen, Lederjacken und blauen Jeans. Sie glaubt ganz fest, dass das Schlägerkommando von der Konkurrenz geschickt worden ist. Zur Einschüchterung. Sie sagt nichts, was auch nur im Ansatz auf uns deutet.
Sie hat ihr Wort voll und ganz gehalten. Sie ist eine Frau von Ehre.
Seelmann steht für ein Interview nicht zur Verfügung.
Wir atmen auf. Der Preacherman macht sich vom Acker. Luz brütet vor sich hin. Dann nickt sie und beginnt zu lächeln. Ihr ist was eingefallen.
„Wir müssen die Sprayer anmailen. In dem Büro vom Seelmann ist zwar schon ein Zeichen vom Einbruch, aber die dürfen auf keinen Fall noch eins dort machen. Das würde irgendwie verdächtig aussehen.“
Der Laptop wird hochgefahren. Anmelden. Einloggen. Luz schreibt.
„Ihr habt mir den Link zu dem Blog geschickt. Wenn ich was von euch will, soll ich mich melden.
Sie sieht mich an. Nicken. Senden. Die Antwort kommt beinahe postwendend.
Du musst dich identifizieren. Deine Initialen und die von unserem Schutzpatron.
Ich grüble noch aber Luz schreibt schon.
MK und BD
Buenaventura Durruti.
In ihren Adern fließt revolutionäres katalanisches Blut.
Alles klar. Was möchtest du?
Luz fragt mich nach einer Adresse. Ich kenne die nicht. Wir holen uns die Info im Netz. Luz fängt an zu tippen, ich lese mit.
Sie schreibt, dass auf keinen Fall ein Zeichen an das Bürogebäude darf. Dann schlägt sie vor, wo und wie heute Nacht ein Zeichen gemacht werden könnte. Und das wir dann morgen früh um zehn einen Eintrag im Blog mit Bildern dazu haben möchten.
Die Antwort ist kurz.
Geht klar!
Dann erzählt mir Luz, was ich am nächsten Tag tun soll. Der Plan ist brillant. Das wird sicher Wirkung zeigen.
Sie strahlt mich an. Meine Gefährtin. Luz. Lucia Emanuele Gomez Gonzales.
In Ihren Adern fließt revolutionäres katalanisches Blut.
Hasta la victoria siempre!
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Am Freitag eht es weiter
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