Montag, 12. Dezember 2016
05 Spacemen 3 “Revolution”
Freitag

Ich schließe die Wohnungstür auf. Stille. Keine Musik. Komisch. Ich fühle aber das Luz da ist. Wir haben uns leider seit Mittwoch nicht wirklich gesprochen. Irgendwas war immer.
Und da ist sie. Sie sitzt am Küchentisch. Vor ihr eine Flasche Ramazotti, zwei Gläser, Eiswürfel im Kühler. Sehr ungewöhnlich um diese Uhrzeit. Sie guckt ernst.
„Da bist du ja.“
Tatsächlich. Stimmt, da bin ich. In voller Große und in voller was auch immer.
Ein Kuss in den Nacken. Weil ich es darf. Weil nur ich es darf.
Ich setze mich ihr gegenüber hin. Sie füllt die Gläser.
Die Gläser bimmeln.
Wir trinken jeder einen Schluck. Ich sehe sie an.
Luz. Lucia Emanuela Gomez Gonzalez.
In ihren Adern fließt viel spanisches Blut. Revolutionäres spanisches Blut. Revolutionäres katalanisches Blut um genau zu sein. Und der Unterschied ist wichtig. Ich würde mich nie trauen, sie eine Spanierin zu nennen. Dann brennt der Baum, auch ohne dass Weihnachten im Anmarsch ist. Ihr Opa Miguel war ein 1919 in Barcelona geborener Arbeiter. Ein Arbeiter mit Leib und Seele. Und mit Idealen.
Die Arbeiterbewegung in ganz Spanien und insbesondere in Katalonien war anders als in den übrigen Ländern, in denen die kommunistische Richtung die Oberhand hatte. In Spanien hatte sich die Mehrheit der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft Confederación Nacional del Trabajo angeschlossen. Eine Gewerkschaft, deren Ziel die soziale Revolution war und ist. Danach sollte es eine wirklich klassenlose Gesellschaft geben – auch ohne eine Klasse der Kader der Partei. Basisdemokratie pur. Und so was erfordert reichlich Disziplin. Anarcho-Syndikalismus ist harte Arbeit.
Hat aber auch was mit Bombenwerfen zu tun. Diesen Teil übernahm damals federführend die Federación Anarquista Ibérica.
Miguel war Mitlied der CNT. Und auch der FAI. Und deshalb kämpfte er drei Jahre lang im Spanischem Bürgerkrieg in Kolonnen der Gewerkschaft, ehe er mit seiner Frau nach dem Sieg Francos das Land verlassen musste. Viele Jahre später landeten die beiden mit ihren Kindern im Ruhrgebiet. Später wurde dort dann Luz geboren. Sie ist das älteste seiner Enkelkinder. Erst zum Sterben konnte er nach Barcelona zurückkehren.
Bevor er starb drückte er Luz seine verknitterte Mitgliedskarte der CNT in die Hand. Seitdem trägt sie die immer bei sich. Die FAI hatte keine Mitgliedskarten.
Ich hätte den stolzen katalanischen Arbeiter gerne kennen gelernt. Luz erzählt mir viel von ihm und seinen Idealen.
Unsere erste gemeinsame Reise ging nach Barcelona. Wir waren am Grab von Miguel und besuchten den Friedhof, auf dem Buenaventura Durruti begraben wurde.
In ihren Adern fließt revolutionäres katalanisches Blut.
„Erde an Waller?“
Ich weiß nicht, wie lange ich schweigend dagesessen habe. Sie merkt, dass ich jetzt weder nicht nur körperlich anwesend bin.
„Jetzt erzähl mal genau, was los ist.“
Eigentlich gibt es ja nicht viel dazu zu sagen. Der größte Teil ist ja nicht bekannt. Irgendwas ist im Busch, aber keiner weiß genau was oder in wenigstens in welchem. Zumindest wir tun das nicht. So bin ich recht schnell fertig mit der Geschichte.
„Wenn wir wenigstens wüssten, ob der Seelmann wirklich da drin hängt.“
Luz überlegt eine ganze lange Weile.
„Vielleicht geht da was.“
„Hat seine Olle noch was gesagt?.“
„Nein, die hat doch eh keine Ahnung. Und das gilt wirklich pauschal für alles. Die kümmert sich, dass die Kohle wieder möglichst schnell raus kommt aus dem Bunker. Die Geschäfte von ihrem Alten interessiert sie nicht die Bohne.“
Sie steht auf, nimmt das Telefon und geht zur Tür.
„Ich muss mal telefonieren.“
Tür auf. Luz raus. Tür zu. Das irritiert mich. Ist so eigentlich nicht ihr Stil. Abwarten und Ramazotti trinken.
Sie kommt wieder rein. Ich öffne den Mund, aber sie legt den Finger vor ihre Lippen.
„Frag nicht. Du wirst es früh genug erfahren. Spätestens morgen aus dem Radio.“
So richtig sprachlos bin ich selten. Jetzt aber schon.
„Mach dir keine Sorgen, Waller.“
Ich bin nicht unbedingt der Typ Mensch, der zum Sorgenmachen neigt. Allerdings führt der Satz „Mach dir keine Sorgen“ meistens dazu, dass ich mir welche mache. Und meist dann auch nicht unbedingt zu Unrecht.
Also mache ich mir Sorgen. Worüber auch immer. Ich habe keine Ahnung, aber ich frage nicht weiter nach.
Luz geht ins Wohnzimmer ans CD-Regal. Durch die offenen Tür sehe ich sie grinsen. Sei scheint gefunden zu haben, was sie gesucht hat.
Sie macht den Verstärker an und dreht am Regler. Stecker rein und alle Knöppe auf zehn.
The Adicts. „Viva La Revolution“. Nicht nur für uns beide. Auch für die Nachbarn.
In ihren Adern fließt revolutionäres katalanisches Blut.
Und offenkundig mehr, als ich bisher gedacht habe. Wir bekämpfen erfolgreich den Ramazotti und sind dann ziemlich früh im Bett.

Hasta la vista, Baby.

***
Am Freitag geht es weiter ...

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