Montag, 28. November 2016
01 New Order „Blue Monday”
Montag

Der Wecker jault los und der Radau dringt langsam in meine Gehirnwindungen, bis ich so weit eins mit dem Universum werden kann, um zumindest eine grobe Vorstellung zu bekommen, was für ein Wochentag gerade mit einem Krachinferno beginnt.
Ein gezielter Schlag sorgt zunächst für Ruhe.
Montag! Da bleibt ja wenigsten noch eine Chance aus der Nummer heraus zu kommen und im Bett bleiben zu können. Meine Finger tasten nach dem CD-Player neben dem Bett, schalten ihn ein und suchen den dritten Kopf von links. Gefunden. Gedrückt. Die Zufallswiedergabe startet. Gespannt lausche ich dem Geräusch des Lasers, der über die Disk kriecht und sich einen Song sucht. Jetzt rastet er ein und die Spannung steigt. Die ersten Takte von „A Town Called Malice“ erklingen. The Jam sind nun wirklich eine großartige Band, aber es ist nicht das, was ich jetzt hätte hören wollen, denn jeden Montag spiele ich das gleiche Spiel. Auf der CD sind zehn Tracks und wenn das Teil mit New Order’s „Blue Monaday“ startet, hat Gott Random gewollt, dass ich das Telefon suche und mich für den Tag krank melde.
Aber es hilft nichts. „A Town Called Malice“ ist nicht „Blue Monday“ und somit wartet auf mich ein Tag im Dienste der Stadtverwaltung. Der Song ist trotzdem ein Klassiker und hat es verdient, auch gewürdigt zu werden,. Ich schraube die Lautstärke höher. Pronto beginnt neben mir meine Gefährtin zu maulen.
Ein gezielter Schlag sorgt für Ruhe – allerdings nur in einer kurz aufflackernden Phantasie. Im Hier und Jetzt drehe ich einfach wieder leiser.
Während ich lausche, geht mir durch den Kopf, dass ich seit ungefähr Ostern fast jeden Montag verloren habe und inzwischen hingen kaum noch Blätter an den Bäumen. Vielleicht sollte ich eine neue CD brennen. Mit nur noch fünf Liedern oder, noch besser, neun Mal „Blue Monday“ und ein Mal was anderes. Da sollten die Chancen dann doch viel fairer für mich stehen.
Ich schalte aus und setze mich dann Richtung Küche in Bewegung. Der Vollidiot wankt zum Kaffeevollautomaten ...

... und eine knappe Stunde später befindet er sich an seinem Schreibtisch in den heiligen Hallen.
Nach einem Tässchen Kaffee drehe ich mir eine Zigarette und verlasse das Büro. Auf dem Weg zum Outdoor-Raucher-Bereich – so heißt das euphemistisch in der Sprache der Verwaltung, passend ist aber eher Raucherpuff, passiere ich die Stempeluhr. Wie fast immer, komme ich zu dem Schluss, dass es die mir verbleibende Restelebenszeit nicht erlaubt, mich wie eigentlich vorgeschrieben während des Rauchopfers auszustempeln.
Ich rauche meine Zigarette. Und dann noch eine. Kurz danach ab zum Bus und in die Stadt zum Rathaus.

Da heute nicht nur Montag sondern der erste Montag im Monat ist, haben wir „Große Runde“. Die Meister aller Bereiche und Ämter versammeln sich im großen Besprechungssaal und lauschen den Worten unseres geliebten und geachteten Stadtoberhaupts.
Und zu diesen Meistern gehöre seltsamerweise und vor allem für mich vollkommen überraschend auch ich.
Und an einem ersten Montag im Monat hatte mich „Blue Monday“ noch nie gerettet, seit ich zu den Meistern gehöre.
Und wie an jedem ersten Montag im Monat sitze ich jetzt wieder in diesem Saal und frage mich, was in meinem Leben denn schief gelaufen ist, dass mir ein solch schweres Schicksal widerfahren muss.
Und ich denke nach. Und ich erinnere mich. An die Zeit, als mein Leben noch in Ordnung war und ich einen Wecker nur brauchte, damit ich vor Ladenschluss noch ein paar Dinge einkaufen konnte.
Wir waren in einer Zeit aufgewachsen, als der Kalte Krieg auf einem seiner hitzigen Höhepunkte war. Ost und West hielten Mitteleuropa für den optimalen Platz, den großen Kampf Gut gegen Böse bis zur finalen Entscheidung auszufechten. Und wer braucht nach dem Triumph noch einen unbedeutenden Landstrich wie Mitteleuropa. Irgendwie glaubte ich nicht, dass das mit der mir bekannten Welt noch lange gut gehen würde, und entschloss mich, die mir verbleibende Zeit sinnvoll zu nutzen. Da erschien mir so was wie regelmäßige Arbeit nicht unbedingt optimal und ich wurde Student. Also eher wurde ich jemand, der an der Uni eingeschrieben war und auch einen Studentenausweis besaß, auf den jedes Semester eine neue Marke kam.
Zehn Jahre später hatte ich zwar unglaublich viel Spaß gehabt, aber es wurde langsam klar, dass die Welt sich wohl auch noch ein paar Jahre länger inklusive Mitteleuropa weiter drehen würde.
Dann endete eine hoffnungsvolle akademische Karriere und ich exmatrikulierte mich. Der weitere Weg war dann klar, denn wer außer der Stadtverwaltung bildet noch dreißigjährige Typen aus. Und mit Abitur blieb quasi auch nur die Laufbahn als Stadtinspektor.
Und irgendwann landete ich im Sport- und Bäderamt und alles schien gut, denn im Prinzip interessierte sich gar niemand für mich und für das, was ich da tat oder auch nicht tat.
Dann setzte eine Entwicklung ein, deren Startschuss mir irgendwie entgangen war. Nach und nach verschwanden aus dem Amt unsere alten Meister und auch mögliche Aspiranten auf die Nachfolge. Ich war aber noch da und ehe ich mich versah und auch ehe ich mich wehren konnte, war ich stellvertretender Leiter. Und dann nahm sich unser Meister vor etwas mehr als einem halben Jahr sein Burn-Out und war seitdem nicht mehr gesehen. Und ich war am Arsch.
Und an keinem ersten Montag im Monat hat mich „Blue Monday“ zumindest vor der „Großen Runde“ gerettet.
Mein Blick schweift durch den Raum und bleibt an unserem OB hängen, der vorne am Pult steht und labert und labert. Ich fixiere ihn. Als er das bemerkt ,wirkt er sofort irritiert, denn alle andern starren mit leerem Blick auf die Tischplatten vor ihnen und warten, dass die Show irgendwann endet. Ich genieße noch etwas seine Unsicherheit und höre ihm rein gar nicht zu. Nach kurzer Zeit sinkt dann der Unterhaltungswert und mir fällt auf, dass ich meine Tagesordnung zwar gedruckt aber wohl nie vom Drucker abgeholt habe. Schade, so weiß ich gar nicht, wie viele weitere Höhepunkte der Langeweile das Programm noch zu bieten hat.
Dann kehrt mein Blick noch einmal zu dem guten Mann zurück. Warum werden bei uns immer Lehrer zum Oberbürgermeister gewählt? Ist dieser Beruf die optimale Voraussetzung, um eine Stadtverwaltung mit mehreren hundert Mitarbeitern zu führen? Aber der ist ja von den Bürgern gewählt worden und das jedes Volk die Regierung hat, die es auch verdient, gilt halt schon auf kommunalpolitischer Ebene.
Und er redet und redet und redet. Viel Wort um Nichts.
„Die Anwendung ShutUp.exe kann nicht geöffnet werden“
Ein leises Gemurmel von links. Erst jetzt nehme ich wirklich war, dass ich neben DreiElf sitze. Ein total abgefahrener, älterer Typ aus der EDV. Auch wenn ich oft nicht verstehe, wovon er redet, kommen wir super klar. Der hat schon mit Computern gearbeitet, als die meisten Menschen deren Existenz noch für einen Mythos gehalten haben.
Plötzlich habe ich den Eindruck, dass mir hier heute irgendwas entgangen ist. Aber keinen blassen Schimmer was das sein könnte. Das sollte ich im Hinterkopf behalten und später rausfinden. Sicher ist sicher.
Ich drehe mir eine Zigarette und wandere durch den Raum Richtung Tür.
„Herr Krawallek? Hat jemand was von Pause gesagt?“
Der Oberbürgermeister spricht zu mir. Ich schaue ihn an, schüttele abwehrend den Kopf und verlasse den Saal. Auf dem Gang treffe ich Susanne Hauptmann. Sie umarmt mich länger als für die flüchtige Begrüßung unter Kollegen notwendig ist.
„Hi Waller, gehst du eine rauchen?“
So gerne ich mit einem fröhlichen Nein geantwortet hätte, nicke ich dennoch. Die Fluppe zwischen meinen Zähnen hätte mich sonst vermutlich Lügen gestraft.
Susanne wird nicht wenig überraschend Susi gerufen. Sie selbst meint damit aber Siouxsie. Und das ist bei ihr auch Programm. Auch wenn ich in vieler Hinsicht auf Gothic stehe, tue ich mich mit einer Frau über vierzig, die einen Minirock, zerrissene Nylons und Docs trägt, doch ein wenig schwer.
Okay, sie sieht darin wirklich gut aus und als ich vor einigen Jahren solo war, waren wir ein paar Mal zusammen raus. Eigentlich waren wir nicht nur zusammen raus ....
Für sie spricht aber zweifelsfrei auch noch, dass für sie „Israel“ nicht nur ein Staat in nahen Osten und „Hong Kong Garden“ mehr als nur ein China-Restaurant ist.
Trotzdem wäre ich jetzt lieber alleine geblieben, aber das Leben ist kein Wunschkonzert. Wir qualmen also gemeinsam. Ich schweige. Sie nicht.
Wir talken also einseitig small und ich denke wieder darüber nach, was ich vorhin verpasst haben könnte, als ich plötzlich innerlich zusammenzucke.
„Sollen wir nicht mal wieder zusammen einen drauf machen?“
Das trifft mich jetzt völlig unvorbereitet, aber ich bleibe äußerlich total cool. Unerwartete Hilfe kommt von der Azubine Jessi, die den Kopf durch die Tür steckt:
„Susi, du musst zackig zurück ins ‚Büro!“
Die Gelegenheit nutze ich sofort zu einer Verabschiedung oder auch Flucht. Irgendwie habe ich aber das Gefühl, dass die Sache damit nicht endgültig vom Tisch ist. Ich weiß auch nicht warum, aber manchmal habe wie aus dem Nichts solche Ahnungen.
Mein Weg führt zurück in den Sitzungssaal. Während ich zu meinen Stuhl schlendere, spüre ich die Augen des OB in meinem Rücken. Auch hier habe ich die Ahnung, dass da noch was kommen könnte. Ich scheine heute sehr medial veranlagt zu sein. Vielleicht ginge sogar was mit Botschaften aus dem Jenseits und Gläser schieben.
Die One-Man-OB-Show zieht sich so in die Länge. Ein Seufzen hier, ein Gähnen da. Neben mir sitzt DreiElf und starrt fassungslos vor sich hin. So was ist gar nichts für ihn. Als sich Zeichen zeigen, dass das Ende naht, bereite ich mich auf einen zügigen Abgang vor. Auf keinen Fall will ich schon jetzt zum Thema „Missachtung der Obrigkeit“ vollgetextet werden. Und von Siouxsie habe ich für heute auch genug.
Abpfiff! Schnell weg.

Und schon sitze ich im Bus und fahre zurück in die idyllische Außenstelle, in der sich unsere heimeligen Räumlichkeiten befinden. Stöpsel in die Ohren. „Hollow Eyes“ von den Lorries. Direkt an der Tür laufe ich dann Pete in die Arme. Der grinst reichlich breit. Ich zähle eins und eins zusammen und bekomme tatsächlich zwei raus.
„Die Tuse vom obersten Boss hat schon angerufen?“
Er grinst noch breiter.
„Si, claro! Du sollst dich melden.“
„Was hast du gesagt?“
„Du seiest noch nicht da. Ich wisse nicht, ob du nach der Veranstaltung hierhin zurückkehrst. Du seiest hier derzeit der Boss und mir keine Rechenschaft schuldig.“
Pete und ich sind schon ewig Kumpels. Wir haben uns in der fünften Klasse in der Penne in der letzten Reihe kennen gelernt. Da haben wir auch bis zum Abi gesessen. Die Räume haben sich geändert, unsere Position darin nicht. Letzte Reihe. Immer. Das hat uns auch niemand streitig gemacht.
Seine Karriere war der meinen nicht unähnlich: Irgendwann war dann auch er bei der Stadt gelandet und irgendwann dann auch in diesem Amt. Eine gute Fügung. Es ist immer klasse, einen echten Freund an der Seite zu haben. Was sich auch gerade jetzt wieder gezeigt hat. Er hat mir zumindest eine Gnadenfrist verschafft. Ich danke ihm dafür natürlich, wortreich und überschwänglich.
„Gracias!“
„Und jetzt?“
„Ich bin dann mal weg. Irgendwelche Sportanlagen checken ...“
„Ich weiß von nichts, du warst nie hier.“

Und so wandere ich heim und einem frühen Feierabend entgegen. Vor der Tür steht der Fiat von Luz, meiner Gefährtin. Ich freu mich, dass sie auch da ist. Luz ist selbstständig und daher nicht so zeitlich festgelegt wie ein Lohnsklave. Sie ist was Kunst und Design angeht ganz weit vorne und hat das echt drauf. Sie macht in Fingernägeln, obwohl das eigentlich gar nicht zu ihr passt. Aber die Sache läuft bestens. Sie ist da inzwischen ne echte Nummer und hat ihren Kundenstamm bei den Schönen und Reichen der Stadt. Wer angesagt ist, bestimmt den Preis, so dass sie echt viel Freizeit hat. Ideologisch treffen da aber während der Maniküre meist Welten aufeinander.
Sie liegt im Wohnzimmer auf der Couch und hat den Kopfhörer auf. Die Hülle auf dem Player ist unverkennbar. „Unknown Pleasures“ von Joy Divsion, immer eine gute Wahl, absolut zeitlos. Ein Klassiker. Vielleicht der Klassiker.
Ich sehe sie an.
Wir haben uns vor fünf Jahren über so eine Brunftseite im Internet gefunden. Was eigentlich auch viel einfacher hätte gehen können, da sie im Nachbarhaus gewohnt hat. Bis dahin hatte ich sie schon oft gesehen, hätte aber nicht gedacht, dass so ein Prachtstück überhaupt auf dem Markt sein könnte. Ich hatte mich also angemeldet und klickte mich durch die Mädels der Gegend. Wie durch einen Quelle-Katalog. So erfuhr ich auch, wer den sicheren Hafen der Ehe in der Zwischenzeit wieder verlassen hatte oder wer zumindest schon mal die Segeln setzte.
Dann sah ich das Bild von Luz und ich klickte sie an. Zwei Ramazottis lang starrte ich gebannt auf ihr Profil. Das „Sie haben eine Nachricht“-Zeichen ging an.
„Wenn du auf der Straße schon nicht sprechen kannst, kannst du hier wenigstens schreiben?“
Eine Viertelstunde später trafen wir uns am Gartenzaun. Dort schenkte sie mir zum ersten Mal ihr strahlendes Lächeln und es wurde irgendwie heller. Damals wusste ich noch nicht, was Luz bedeutet und hielt es nur für eine Kurzform von Lucia. Und am nächsten Tage meldeten wir uns an RudisResteRampe ab. Ich mit einem richtigen Hauptgewinn, sie halt mit mir.
Sie schaut hoch und nimmt die Kopfhöher ab. Wir quatschen. Ich erzähle ihr von unserer Sitzung.
„Oh Waller, es wird mit dir ein böses Ende nehmen. Du hast sogar ein großes Maul, wenn du gar nichts sagst.“
Sie grinst von einem hübschen Ohr zum anderen.
Ich erzähle ihr nicht von Siouxsie. Die beiden sind irgendwie wie Feuer und Wasser. Wenn sie aufeinander treffen, knistert die Luft. Manchmal glaube ich, das hat mit mir zu tun, aber wahrscheinlich ist das aber irgendwas anderes.
Luz war heute bei der Seelmann. Deren Typ baut in der Stadt immer irgendwo irgendwas. Da ist richtig Kohle im Spiel und der muss wirklich gute Beziehungen haben, denn, wenn immer die Stadt brauchbares Land verhökert, ist er am Start. Und meist als einziger, die anderen Läufer sind in der Regel noch in der Umkleide und suchen ihre Turnschuhe.
„Und dann sagt die, dass ihr Alter hier ganz in der Nähe was hochziehen wird. Und wenn ich Interesse hätte, dann brauche ich nur was zu sagen.“
Wir lachen schallend. Luz und ich in einer Seelmannhütte ...
Ich überlege noch kurz, wo das hier in der Gegend sein soll und mir fällt nichts ein. Eigentlich kein Platz für so ein Projekt.
Ich küsse sie. Weil ich es darf. Weil nur ich es darf.
Dann sinkt mein Blick etwa zwei Handbreit unter ihr Kinn.

Ich stelle das Denken komplett ein.

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