Montag, 9. Januar 2017
13 The Cure “The Walk”
Samstag

Ich werde langsam wach. Luz kommt rein und bringt Kaffee mit. Sie hat auch Musik angemacht. New Model Army „Thunder And Consolation”. Ein Wahnsinnsalbum mit vielen großartigen Stücken. Auf der Tour dazu habe ich die zum ersten Mal live gesehen. Es war brechend voll und die Post ging aber richtig ab. Damals hatte Justin Sullivan sogar noch einen beinahe vollständigen Satz Zähne im Mund. Ich weiß, dass sie die Scheibe nur für mich eingelegt hat.
Sie setzt sich zu mir und reicht mir den Kaffe. Schwarz. Stark. Lecker. So wie ein Kaffee für mich sein muss. Wir trinken in Ruhe.
„Waller?“
Wenn sie so mit diesem gewissen Unterton anfängt, will sie meistens etwas, auf das ich wenig Bock habe. Und dazu dann dieses Lächeln, das Granit schmelzen kann. Ich bin nicht aus Granit und könnte auch sofort aufgeben. Mach ich aber nicht.
„Sollen wir nicht gleich ein Runde spazieren gehen?“
Erst Nick, dann Zeus und Siouxsie. Jetzt sie. Ein Virus? Der Wandervirus?
„Das, was Siouxsie erzählt hat, lässt mir keine Ruhe. Also, ich meine jetzt das mit dem Doppelhaus. Den Farben. Dem Zaun. Ich würde da gerne gucken gehen.“
„Und was soll das bringen?“
„Keine Ahnung.“
Das klingt für mich überzeugend. Dann soll es so sein. Docs sind bequeme Schuhe. Damit kann man weit laufen. Wenn man denn den Linken zuerst anzieht. Wer weiß, was sonst passiert.

Am frühen Nachmittag machen wir uns auf den Weg. So weit ist es nicht. Knapp zwanzig Minuten. Als die Hütte in Sichtweite kommt, bleiben wir stehen. Schon oft gesehen, aber noch nie wirklich angeguckt. Tut auch ein wenig in den Augen weh. Jeder der beiden Farben für sich ist schon schräg, aber die Kombination ist absolut unsäglich.
„Das sieht aber grausig aus. Die Farben beißen sich aber voll.“
Wir gehen langsam an dem Haus vorbei. Nach ungefähr hundert Metern drehen wir um. Wir gehen wieder langsam an dem Haus vorbei.
„Luz, das können wir aber auch nicht mehr oft machen. Wir sind die einzigen Menschen, die hier rumgeistern. Und wir haben einen gewissen Wiedererkennungswert.“
Sie nickt. Wir gehen noch ein Stück und setzten uns auf eine kleine Mauer. Es ist zu kalt für so was. Luz holt zwei Dosen Bier aus der Tasche. So kalt kommt es mir gleich gar nicht mehr vor. Und das Bier wird auch nicht zu schnell warm sondern behält eine angenehme Trinktemperatur.
Die Dosen scheppern.
Eine ältere Frau mit Mantel verlässt das Nachbarhaus. Luz guckt ihr hinterher.
„Die könnte gehen. Die kommt gleich wieder. Die holt nur eine Zeitung oder so.“
„Wieso bist du dir da sicher? Die könnte doch auch in die City gehen.“
„Weil die nur Schlappen anhat.“
Das Argument sitzt. Das ist mir nicht aufgefallen. Und kurz darauf taucht sie auch wieder auf. Wir trinken die Dosen leer und Luz steckt sie wieder ein. Wir steuern auf die Frau zu.
„Waller, lass mich reden.“
Nicken. Als wenn ich anderes vorgehabt hätte. Das kann sie ohne Zweifel viel besser als ich. Auch das mit dem netten Lächeln. Ich bin eher Fachkraft fürs böse Gucken. Deshalb bleibe ich im Hintergrund.
„Guten Tag, entschuldigen Sie bitte, dass ich sie so einfach anspreche.“
Luz lächelt unglaublich charmant. Das kann sie spektakulär gut. Damit kann sie Beton wieder weich machen. Das wirkt auch bei der Frau.
„Guten Tag, kein Problem. Kann ich Ihnen helfen?“
„Wir sind hier zufällig vorbei gekommen und wundern uns über das so seltsam gestrichene Haus. Da sieht ja nun wirklich sehr merkwürdig aus.“
Sie zeigt in die entsprechende Richtung. Die Frau zögert. Eigentlich möchte sie gerne schlecht über die Leute dort reden, braucht aber noch Ermunterung. Luz dreht ihr Lächeln noch eine Stufe höher.
Ein letztes Zaudern, dann legt sie los.
„Ja, die beiden. Die sind sich ja spinnefeind. Deshalb versuchen sie sich auch immer zu ärgern. So sind diese ganzen Sachen nach und nach entstanden. Die Farben, der Zaun. Sie müssten das auch von hinten sehen, wie die versuchen sich gegenseitig den Garten zu versauen. Die schrecken da fast vor nichts zurück.“
Da wird noch mehr kommen. Wir müssen nichts dazu tun. Es wird von allein passieren. Wir warten. Und es dauert nicht lange.
„Die haben ja jeder eine Hälfte davon von ihrem Vater geerbt.“
Wir zählten eins und eins zusammen und bekamen Holger Schäfer raus.
„Die beiden konnten sich ja schon als Kinder nicht leiden. Die waren ja beide unehelich und hatten unterschiedliche Mütter. Und am Wochenende waren sie dann hier bei ihrem Vater zu Besuch. Und die haben sich schon damals gehasst. Und das tun sie heute noch. Die sind aber auch jeder für sich alleine schon komisch. Und die dürfen das Haus wohl auch nicht verkaufen oder vermieten. Wieso weiß ich nicht, man sagt das hier so in der Nachbarschaft.“
Mehr ist hier nicht mehr zu holen. Ab jetzt gäbe es nur noch Spekulationen in unterschiedlichste Richtungen. Wir verabschieden uns schnell, aber natürlich höflich und gehen unserer Wege,
„Was meinst du, hilft uns das weiter?“
„Absolut keine Ahnung. Ich habe aber mal überhaupt nicht das Gefühl, dass es irgendwie Sinn macht, da jetzt einfach zu klingeln oder so.“
Luz nickt.

Am Abend gehen wir noch ins „Mercy Seat“. Der Laden ist gut voll. Nick und Kati rotieren. Von uns sind Betty, Snake, TomTom und der Preacherman da.
Wir gesellen uns dazu. Kati bringt die Getränke.
Die Gläser bimmeln.
Luz erzählt von unserem kleinen Spaziergang. Betty bittet sie, noch mal zu wiederholen, was die Frau genau gesagt hat.
„Ich habe das Gefühl, dass da irgendwas drin steckt. Aber ich weiß nicht was. Was meint ihr?“
Schulterzucken. Irgendwie könnte sie Recht damit haben. Das haben wir ja auch schon vermutetet. Wir stochern im Nebel der Ungewissheit. Und unsere Stöckchen sind nicht sehr lang.
Wir schauen uns unauffällig die anderen Gäste an. Sind die Sprayer dabei? Guckt jemand heimlich zu uns rüber? Versucht jemand bei uns zu lauschen? Mein Blick kreist noch mal durch die Kneipe. Eigentlich muss das von hier kommen. Wegen Durruti. Vielleicht an dem Abend, als Luz gesagt hat, was sich hinter VOD verbirgt.
Der Preacherman holt die nächste Runde an der Theke. Es ist noch sehr voll. Das ändert sich aber bald. Die Jüngeren wollen dann noch was erleben. Ab in die große Stadt. Wie wir früher auch.
Die Gläser bimmeln.
Ein neuer Gast kommt herein. Der war wohl noch nie hier. Vermutlich bin ich der einzige, der den kennt. Pete kennt den zwar auch, aber er ist ja gerade nicht hier. Gestern Morgen habe ich ihn besucht, gestern Nachmittag habe ich ihm eine Mail geschickt. Jetzt ist er hier. Carsten Schmitz. Live und in Farbe. German television proudly presents. Meine Begeisterung hält sich in ganz engen Grenzen.
Er blickt sich um und sieht mich. Die Veränderung in seinem Gesicht deutet darauf hin, dass ich das Ziel seiner Begierde zu sein scheine. Und so steuert er direkt auf mich zu und legt auch gleich los.
„Waller, was willst du von mir? Was soll das alles bedeuten?“
Inzwischen ist er an unseren Tischen angekommen. Er zetert weiter. Der Preacherman sieht mich an.
„Kennst du den? Ist das ein Freund von dir?“
Ich beantworte seine Fragen in der Reihenfolge, in der er sie gestellt hat.
„Ja. Nein.“
Der Preacherman baut seine knapp zwei Meter direkt vor Carsten auf.
„Bleib mal ruhig.“
Carsten wirkt durchaus eingeschüchtert. Der Preacherman kann Angst machen. Er ist jetzt ruhiger, aber gibt trotzdem nicht wirklich Ruhe.
Luz kommt von der Toilette. Sie war nur kurz weg, aber die Lage hat sich in der Zwischenzeit deutlich verändert. Sie bleibt stehen und schaut zu mir rüber. Ich verziehe keine Miene. Sie lächelt mich an und blickt sich dann um.
Aus dem Lächeln wird ein Grinsen. Vielleicht sogar ein Grinsen, in dem eine kleine Portion Boshaftigkeit steckt. Vielleicht auch mehr als nur eine kleine Portion. Sie blinkt Kati hinter der Theke an. Die nickt verstehend und blinkt zurück. Ich bin jetzt neugierig und aufmerksam. Kati verlässt mit einem vollen Tablett die Theke und geht in unsere Richtung. Luz kommt zu unserem Tisch zurück.
Direkt hinter dem immer noch labernden Carsten treffen sich die beiden. Luz tickt das Tablett mit dem Ellenbogen ganz geschickt an und Kati trägt ihren Teil dazu bei, dass sich alle Gläser über ihm ergießen.
„Das tut mir soooo leid!“
Luz lächelt ihn zuckersüß an und tätschelt ihm die Wange.
„Das wollte ich nicht.“
Sie kommt rüber zu mir und küsst mich. Lange und intensiv.
In ihren Adern fließt revolutionäres katalanisches Blut.
Abgang Carsten Schmitz. Er hat genug. Ich fürchte aber, dass ich ihn schon bald wieder sehen werde. Aber jetzt ist er erst mal weg.
Nick kommt aus dem Keller. Er hat ein neues Fass angeschlossen. Der tropfende Carsten geht an ihm vorbei. Er guckt ihm erst hinterher und dann rüber zu uns.
„War was?“
Wir schütteln vage den Kopf. Nichts von Bedeutung. Luz will wissen, wer der Typ eigentlich war. Ich erzähle es ihr und den anderen.
„Das erklärt, warum der so aufgeregt war.“
Kati bringt uns noch eine Runde.
Die Gläser bimmeln.
Wir gehen nach hinten und spielen eine Runde. Der Preacherman will auch heute nicht. Wir wechseln uns ab. Gute Spiele.
Es ist inzwischen spät geworden.

Ab nach Hause.

***
Am Freitag geht es weiter.

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