Donnerstag, 22. Dezember 2016
08 Fad Gadget “For Whom The Bells Toll”
krawallek, 19:33h
Montag
Der Wecker klingelt. Ich bin nicht mehr unbedingt im Tiefschlaf und deshalb recht schnell damit, den Wecker abzuwürgen und die Random-Taste am CD-Player zu drücken. Heute ist Montag, möge das Spiel beginnen.
Ich lausche gespannt. Heute „Blue Monday“, das wäre der Hammer. Welche arme Sau würde dem OB sagen müssen, dass der Krawallek nicht kommt?
Werden wir nicht erfahren, denn Billy Idol erfreut uns mit „White Wedding“. Unpassender geht es kaum. Obwohl „It’s a nice day to start again“ könnte schon hinkommen. Wer weiß, wie das heute alles so läuft.
Es ist schon neun. Pete hat gestern meinen Chip mitgenommen und mich eingestempelt. Ich will nicht vorher noch ins Büro sondern direkt zum jüngsten Gericht. Mein Stundenkonto muss ich aber auch im Auge behalten. Nicht dass ich in der Hinsicht Ärger bekomme.
Luz steht mit mir auf. Während ich mich restauriere, brät sie mir ein katalanisches Omelett zum Frühstück. Das macht sie leider nur sehr selten, aber immer sehr gut. Das Ding ist auch heute wieder der Knaller.
Henkersmahlzeit beendet. Aufbruch.
Im Rathaus rauf ins 4. OG. Dort residiert die Elite.
Ohne Klopfen betrete ich das Büro von der Tuse. Sie hasst mich dafür, das sehe ich ihr sofort an. Doch nach weinigen Augenblicken überwiegt dann bei ihr die Vorfreude, dass es mir gleich an den nicht perfekt gebügelten Kragen geht. Am liebsten würde sie bestimmt mit rein.
Und die Peitsche schwingen. In einem engen Lederkleid. Die Phantasie geht mit mir durch und ich beginne zu kichern. Sie schaut jetzt verständnislos zu mir hoch.
Mein Versuch mich zu beherrschen, ist nur bedingt erfolgreich. Zumindest mach ich keine Geräusche mehr, aber die Mimik habe ich noch nicht ganz unter Kontrolle.
„Tut mir sehr leid, Herr Krawallek,. Aber der Oberbürgermeister ist ein sehr beschäftigter Mann. Sie müssen sich noch mindestens eine halbe Stunde gedulden. Warten Sie bitte draußen auf dem Gang.“
Ich trolle mich und pflanze mich auf die Bank vor der Tür.
Es war klar, dass das passieren würde. Das ist immer so. Er glaubt, die Leute werden nervös und unruhig, wenn er sie warten lässt. Aber nicht wenn jeder vorher genau weiß, dass es so abläuft.
So sitze ich da und denke nach. Da kommt mir eine zweifelsfrei äußerst verwegene Idee. Wirklich sehr gewagt. Wie ein Kleid mit außerordentlich hohem Schlitz. Aber es ist nun mal die allererste überhaupt.
Und sie bleibt alleine, denn dann ist es so weit. Ich werde mit strenger Stimme hereinzitiert.
Ich latsche an der Tuse vor bei. Die strahlt übers ganze viel zu stark geschminkte Gesicht. Endlich kriegt der blöde Penner, was er schon lange braucht. Sie sabbert fast. Sollte sie aber unbedingt unter Kontrolle behalten. Ist sonst nicht gut für den Lippenstift.
Vor seinem Schreibtisch wartet ein Stuhl auf mich. Ich setze mich sofort. Er steht da, als hätte er erwartet, dass ich ihm die Hand schüttle. Jetzt wirkt er zunächst leicht irritiert und nimmt dann langsam auf seiner Seite Platz.
„Herr Krawallek. Wie lange sind Sie jetzt bei der Stadt? Wie lange kennen wir uns also jetzt?“
Das war typisch für ihn. Außer für sich selbst interessiert er sich bestenfalls noch für junge Frauen. Er war Pauker, bevor er vor ein paar Jahren zum Großmeister der Stadtverwaltung gewählt worden ist. Und ich war auf der Penne. Dort haben sich unsere Wege mehr als einmal gekreuzt. Letztmalig in der Zwölf kurz vor dem Abi. Krawallek ist wirklich kein schöner Name, aber zumindest bleibt er hängen. Und er ist selten.
„Bei der Stadt bin ich seit etwa achtzehn Jahren. Wie lange wir uns kennen, könnten Sie dem Lebenslauf in meiner hübschen Personalakte entnehmen.“
Dabei wedele ich ein bisschen mit der linken Hand rum und deute auf die Mappe, die direkt vor ihm auf dem Tisch liegt. Er starrt auf die graue Akte und wirkt gerade nicht so wirklich cool oder souverän.
Ein erster Treffer. Krawallek macht Krawall.
Er setzt neu an.
„Herr Krawallek, wir müssen über letzten Montag reden!. Ich habe dazu zunächst einige Fragen.“
„Ich habe auch eine.“
Pete und ich haben nicht viel rausbekommen. Aber zumindest ist uns klar geworden, dass die Sache mit dem Gewerkschaftshaus noch nicht offiziell ist. Es gibt auch keine Ausschreibung dafür oder etwas anderes in der Art. Niemand weiß richtig was. Und in der Runde der Meister hat er auch nur ganz allgemein von einem demnächst bevorstehendem und lukrativem Immobiliendeal gesprochen.
Ich setzte darauf dass er sich voreilig verplappert hat.
Alles auf Schwarz.
Die Kugel läuft.
Ich stehe auf. Ein Schritt vor. Die Hände auf die Schreibtischkante. Meine Augen treffen seine. Damit habe ich ihn richtig schön kalt erwischt und er weiß nicht sofort, wie er darauf reagieren soll.
„Was läuft da genau mit dem Gewerkschaftshaus?“
Der Schreck in seinen Augen sagt alles. Die Kugel bleibt liegen. Schwarz gewinnt. Und ich lächle, denn ich weiß, das Böse siegt immer. So haben es uns die Ärzte schon vor vielen Jahren gelehrt. Und wem sollen wir trauen, wenn nicht den Halbgöttern in Weiß?
„Herr Krawallek, lassen sie uns in Ruhe reden.“
„Ich denke, es ist im Moment alles gesagt.“
Drehung um 180 Grad und raus. Die Tuse guckt verwirrt. So schell hat sie nicht mit mir gerechnet. Und nicht in einem so gutem Zustand. Und schon gar nicht mit einem fröhlichen Lächeln im Gesicht.
Die Versuchung ist zu groß. Zu viel Euphorie und Adrenalin. Ich tätschle ihre von Unmengen Haarspray geformte Frisur.
„Na Mädchen, alles claro am Kilimandscharo?“
Sie ist total fassungslos und öffnet den Mund. Aber es kommt nichts. Bestenfalls ein wenig warme Luft. Ansonsten nur Schweigen im Walde beziehungsweise im Vorzimmer. Weiter geht es Richtung Tür. Ich will raus. Muss mir die Händewaschen. Mit so klebrigen Fingern kann man keine Zigaretten drehen.
Hinter mir brüllt der OB.
„Frau Schulz, sofort in mein Büro!“
So ist er. Der Frust muss raus. Er sucht sich ein wehrloses Opfer. So war er schon immer.
Kurz darauf lehne ich draußen an der Wand und rauche meine mit frisch gewaschenen Händen gekurbelte Flupppe. Für den Moment bin ich erst mal aus der Nummer. Aber von jetzt an gilt erhöhte Vorsicht. Das ist lange nicht zu Ende.
Wenn ich sowieso hier im Rathaus bin, kann ich auch noch ein wenig bleiben. Wir brauchen Hilfe, Vielleicht finden wir die hier direkt im Zentrum der lokalen Macht.
DreiElf ist ein Kandidat. Der Datenmörder ist verlässlich und wir mögen uns. Selbst wenn er nicht helfen kann oder will, wird er mich nicht in die Pfanne hauen.
Glaube ich zumindest. Und Glaube soll ja Berge versetzten können, heißt es aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen. Aber Berge sind nicht das Problem, was aber auch zum Großteil daran liegt, dass wir hier in der Gegend eigentlich keine haben.
Keine Ahnung, wo sein Büro ist. Aber so viel EDV-Leute gibt es hier nicht. Gesucht, gefunden und rein. DreiElf hebt den Kopf und fängt an zu lachen.
„Waller, du dreistes Arschloch.“
Wir mögen uns halt.
„Du hast ganz schon Strom in den Laden gebracht.“
Offensichtlich ist der Flurfunk in einem sehr guten Zustand. Sowohl die Sender als auch die Empfänger scheinen frisch in der Wartung gewesen zu sein. Ist alles doch gerade erst eine knappe Viertelsunde her und selbst die EDV weiß schon Bescheid. Und die sind bei solchen Sachen in der Regel die, die als letzte was mitkriegen. Das wird sicher auch erst anders, wenn irgendwann auch der Flurfunk digitalisiert ist und übers Breitbandkabel läuft.
„Ich könnte deine Hilfe brauchen.“
Ohne zu zögern oder weitere Fragen zu stellen greift er nach seinen Zigaretten.
„Draußen.“
Unterwegs hält er seinen Chip an die Stempeluhr.
„Du erinnerst dich, das du jedes Terminal in jedem Gebäude benutzen darfst?“
Ich winke ab. ‚Er kneift mir ein Auge zu.
„Du stempelst nie zum rauchen aus.“
Draußen gehen wir bis ganz hinten durch. Da steht nur selten einer rum und im November schon gar nicht. Hier haben wir Ruhe. DreiElf bekommt von mir Input.
„Und jetzt willst du von mir, dass ich mal so ganz heimlich durch die virtuellen Gänge schleiche und hier und da mal einen Blick riskiere?“
Tonlage und Mimik lassen keine Rückschlüsse zu. Daher nicke ich einfach nur. So was in der Art stelle ich mir vor.
„Alles klar, wenn ich was finde, melde ich mich.“
Wir tauschen Mobilnummern. Er drückt mir kurz die Hand und geht. Es ist gut, dass er dabei ist.
Der Tag läuft bisher wirklich gut. Geht da noch was? Siouxsie? Die Begeisterung hält sich in engen Grenzen, aber sie ist eine von meinen Aufgaben. Oder vielleicht auch Herausforderungen. Je nach Standpunkt und Sichtweise.
Zumindest weiß ich, wo ihr Büro ist. Auf der Treppe summe ich vor mich hin. The Smiths. „Girl Afraid“
Tür auf und ganz fix rein. Sie ist alleine im Raum. Gut. Sie wirkt überrascht, vielleicht gleichzeitig sogar ein weinig erfreut mich zu sehen. Was auch immer das bedeuten mag.
„Hi Waller, willst du dich doch mit mir daten?“
„Selber ein hi, Und nein, kein Date.“
Ehe sie mich gleich wieder rausschmeißen kann, parke ich schnell meinen Hintern auf der Schreibtischkante. Sie guckt ein wenig so, als wenn ich das Schild übersehen hätte und jetzt dort im Halteverbot sitzen würde.
„Ich möchte um deine Hilfe bitten. Die wollen hier intern irgendwas mit dem Gewerkschaftshaus drehen und dann ist auch das „Mercy Seat“ Geschichte.“
Ihr Blickt geht zur Decke Richtung Chefetage.
„Du hast da oben ganz schön gezündelt. Der Chef tobt. Und die Schulz heult.“
Ihre Miene zeigt reichlich wenig Bedauern für die beiden. Ganz im Gegenteil. Bevor ich auch nur ein einziges Wort dazu sagen kann, springt sie plötzlich auf. Sie steht jetzt ganz nah vor mir. Auge in Auge.
„Waller, was habt ihr vor? Bist du wahnsinnig? Was soll das denn werden?“
Ich erinnere mich, sie ist manchmal etwas emotional, aber das sind alles berechtigte Fragen. Ich suche nach Worten. Aber suchen bedeutet nicht immer auch schnell finden.
„Und was soll ich jetzt dabei tun?“
Siouxsie ist manchmal etwas sprunghaft, aber meist am Ende doch eine Bank.
„Wir müssen etwas über diese Erbengemeinschaft von Holger Schäfer rausfinden. Wer sich dahinter verbirgt und so. Namen und was sonst noch geht. Zeus versucht da auch was über die Sparkassenschiene. Und halt alles, was mit der Sache zu tun haben könnte. “
Sie nickt nachdenklich. Plötzlich durchquert eine abenteuerliche, aber gute Idee meinen Kopf, bevor sie ganz durch ist, halte ich sie noch schnell fest.
„Kannst du heute Abend um acht im „Mercy Seat“ sein?“
„Willst du dich jetzt doch mit mir daten?“
„Nein. Immer noch nicht.“
„Ich werde da sein.“
Sie hat angebissen. Sie ist neugierig. Es ist gut, dass sie mit an Bord ist.
Raus aus dem Rathaus. Rein in ein Cafe. Mittagszeit.
Eine SMS an Pete. Er soll mich später auch wieder ausstempeln. Von der Stadtverwaltung habe ich für heute genug. Die Antwort besteht nur aus einem Wort.
„Bombenleger“
Der Flurfunk hat auch unser Gebäude erreicht.
Zuhause ist niemand. Luz hat sich für heute ein paar Termine gemacht.
Ich suche mir was von And Also The Trees aus dem Regal. Es ist Zeit für etwas ruhiges. Ich komme nicht an der „Virus Meadwow“ vorbei. Das ganze Ding ist aus einem Guss. Ein absolutes Knalleralbum.
Luz kommt heim.
„Immerhin lebst du noch.“
Ich erzähle ihr von meinem Auftritt beim Chef. Und von DreiElf. Und von Siouxsie. Sie funkelt mich an. Bevor sie auch nur ein Wort raus bekommt, rede ich weiter.
„Und die kommt heute ins „Mercy Seat“ und du wirst mit mir dahin gehen.“
Ein ungewolltes Grinsen von einem Ohr zum anderen. Meine Mimik gerät schon wieder außer Kontrolle. So geht das damit nicht weiter, ich muss das zügig wieder in den Griff kriegen.
„Und mehr sage ich jetzt nicht dazu. Warts ab“
Sie mustert mich. Dann lächelt sie.
Um halb acht sind wir auf dem Weg. Ich hoffe, ich habe nichts vergessen und es läuft gleich so, wie ich es hoffentlich geschickt eingestielt habe.
Wir treten ein. Zeus steht alleine an unseren Tischen. Er ist jeden Montag um diese Zeit da. Vorher besucht er seine Muter im Pflegeheim um die Ecke. Auch wenn sonst niemand kommt, auf ein Bier bleibt er immer. Wir gesellen uns zu ihm.
Kati bringt die Getränke und wirft mir heimlich einen verschwörerischen Blick zu.
Die Gläser bimmeln.
Acht Uhr. Siouxsie kommt rein und zu uns rüber. Ein kurzes Hallo. Dann Schweigen.
Siouxsie und Zeus sind beide an der Erbengemeinschaft dran. Da haben sie sich bestimmt einiges zu bereden. Und Zeus steht auf Siouxsie. Schon lange.
Zeit für Luz und mich zu gehen. Mein Handy klingelt.
„Hallo?“
Ich höre zu, auch wenn auf der anderen Seite nicht gesprochen wird. Hinter der Theke steht Kati mit ihrem Telefon in der Hand und schielt grinsend zu mir rüber.
„Alles klar. Wir sind unterwegs.“
„Tut mir leid, Luz und ich müssen weg.“
Und schon setze ich mich in Bewegung. Luz folgt mir und fragt sich wohl, was los sein könnte. Ich winke Kati und Nick zu. Draußen hält mich Luz fest.
„Wer hat denn jetzt angerufen? Was ist denn passiert.“
„Nichts ist passiert. Kati hat angerufen. Der Zeus steht doch voll auf die Siouxsie. Und der kommt bei so was doch nicht in die Gänge. Da wollt ich ihm mal über die Straße helfen“
„Scheiße. Der Waller ist mit Amors Pfeil und Bogen zugange. Ich fasse es nun wirklich nicht.“
Wir schütteln uns vor lachen. Der Captain taucht auf.
„Hi, ist mit euch alles in Ordnung?“
Statt einer Antwort zeigen wir auf das Fenster. Er guckt rein und sieht Zeus und Siouxsie dicht beieinander stehend und intensiv ins Gespräch vertieft.
„Wie hat er das denn jetzt plötzlich hingekriegt? Das hat er doch ewig nicht auf die Kette bekommen.“
Luz zeigt auf mich.
„Da hat der Liebesbote hier seine Finger drin.“
Der Captain lacht erst, wird dann aber ernst.
„Waller, es könnte Ärger geben. Du hast da heute wohl was losgetreten.“
„Ja, mag sein.“
„Nein, ist so. ich habe vorhin meinen Nachbarn getroffen, der ist bei den Sheriffs. Der OB hat heute Nachmittag den Oberpolizeimenschen besucht. Es ging um den Einbruch bei Seelmann in der Firma. Und der OB hat dabei deinen Namen genannt.“
Das ist jetzt doch überraschend.
„Die Sheriffs wissen aber nicht so genau, was sie jetzt machen sollen. Da war nichts Handfestes dabei. Wenn die dich besuchen, weißt du zumindest warum.“
Im Gegenzug erzähle ich im, was heute Vormittag so geschehen ist.
„Geht ihr noch woanders was trinken?“
„Nein, wir müssen heute früh ins Bett.“
Luz verdreht die Augen. Der Captain geht grinsend seiner Wege. Jetzt haben wir auch noch die Sheriffs am Hacken.
„Komm du Held, wir müssen früh ins Bett.“
Luz nimmt meine Hand und lächelt. Ein wüster Tag. Aber er hätte schlimmer sein können.
Und zwar deutlich.
***
Am Montag geht es weiter.
Der Wecker klingelt. Ich bin nicht mehr unbedingt im Tiefschlaf und deshalb recht schnell damit, den Wecker abzuwürgen und die Random-Taste am CD-Player zu drücken. Heute ist Montag, möge das Spiel beginnen.
Ich lausche gespannt. Heute „Blue Monday“, das wäre der Hammer. Welche arme Sau würde dem OB sagen müssen, dass der Krawallek nicht kommt?
Werden wir nicht erfahren, denn Billy Idol erfreut uns mit „White Wedding“. Unpassender geht es kaum. Obwohl „It’s a nice day to start again“ könnte schon hinkommen. Wer weiß, wie das heute alles so läuft.
Es ist schon neun. Pete hat gestern meinen Chip mitgenommen und mich eingestempelt. Ich will nicht vorher noch ins Büro sondern direkt zum jüngsten Gericht. Mein Stundenkonto muss ich aber auch im Auge behalten. Nicht dass ich in der Hinsicht Ärger bekomme.
Luz steht mit mir auf. Während ich mich restauriere, brät sie mir ein katalanisches Omelett zum Frühstück. Das macht sie leider nur sehr selten, aber immer sehr gut. Das Ding ist auch heute wieder der Knaller.
Henkersmahlzeit beendet. Aufbruch.
Im Rathaus rauf ins 4. OG. Dort residiert die Elite.
Ohne Klopfen betrete ich das Büro von der Tuse. Sie hasst mich dafür, das sehe ich ihr sofort an. Doch nach weinigen Augenblicken überwiegt dann bei ihr die Vorfreude, dass es mir gleich an den nicht perfekt gebügelten Kragen geht. Am liebsten würde sie bestimmt mit rein.
Und die Peitsche schwingen. In einem engen Lederkleid. Die Phantasie geht mit mir durch und ich beginne zu kichern. Sie schaut jetzt verständnislos zu mir hoch.
Mein Versuch mich zu beherrschen, ist nur bedingt erfolgreich. Zumindest mach ich keine Geräusche mehr, aber die Mimik habe ich noch nicht ganz unter Kontrolle.
„Tut mir sehr leid, Herr Krawallek,. Aber der Oberbürgermeister ist ein sehr beschäftigter Mann. Sie müssen sich noch mindestens eine halbe Stunde gedulden. Warten Sie bitte draußen auf dem Gang.“
Ich trolle mich und pflanze mich auf die Bank vor der Tür.
Es war klar, dass das passieren würde. Das ist immer so. Er glaubt, die Leute werden nervös und unruhig, wenn er sie warten lässt. Aber nicht wenn jeder vorher genau weiß, dass es so abläuft.
So sitze ich da und denke nach. Da kommt mir eine zweifelsfrei äußerst verwegene Idee. Wirklich sehr gewagt. Wie ein Kleid mit außerordentlich hohem Schlitz. Aber es ist nun mal die allererste überhaupt.
Und sie bleibt alleine, denn dann ist es so weit. Ich werde mit strenger Stimme hereinzitiert.
Ich latsche an der Tuse vor bei. Die strahlt übers ganze viel zu stark geschminkte Gesicht. Endlich kriegt der blöde Penner, was er schon lange braucht. Sie sabbert fast. Sollte sie aber unbedingt unter Kontrolle behalten. Ist sonst nicht gut für den Lippenstift.
Vor seinem Schreibtisch wartet ein Stuhl auf mich. Ich setze mich sofort. Er steht da, als hätte er erwartet, dass ich ihm die Hand schüttle. Jetzt wirkt er zunächst leicht irritiert und nimmt dann langsam auf seiner Seite Platz.
„Herr Krawallek. Wie lange sind Sie jetzt bei der Stadt? Wie lange kennen wir uns also jetzt?“
Das war typisch für ihn. Außer für sich selbst interessiert er sich bestenfalls noch für junge Frauen. Er war Pauker, bevor er vor ein paar Jahren zum Großmeister der Stadtverwaltung gewählt worden ist. Und ich war auf der Penne. Dort haben sich unsere Wege mehr als einmal gekreuzt. Letztmalig in der Zwölf kurz vor dem Abi. Krawallek ist wirklich kein schöner Name, aber zumindest bleibt er hängen. Und er ist selten.
„Bei der Stadt bin ich seit etwa achtzehn Jahren. Wie lange wir uns kennen, könnten Sie dem Lebenslauf in meiner hübschen Personalakte entnehmen.“
Dabei wedele ich ein bisschen mit der linken Hand rum und deute auf die Mappe, die direkt vor ihm auf dem Tisch liegt. Er starrt auf die graue Akte und wirkt gerade nicht so wirklich cool oder souverän.
Ein erster Treffer. Krawallek macht Krawall.
Er setzt neu an.
„Herr Krawallek, wir müssen über letzten Montag reden!. Ich habe dazu zunächst einige Fragen.“
„Ich habe auch eine.“
Pete und ich haben nicht viel rausbekommen. Aber zumindest ist uns klar geworden, dass die Sache mit dem Gewerkschaftshaus noch nicht offiziell ist. Es gibt auch keine Ausschreibung dafür oder etwas anderes in der Art. Niemand weiß richtig was. Und in der Runde der Meister hat er auch nur ganz allgemein von einem demnächst bevorstehendem und lukrativem Immobiliendeal gesprochen.
Ich setzte darauf dass er sich voreilig verplappert hat.
Alles auf Schwarz.
Die Kugel läuft.
Ich stehe auf. Ein Schritt vor. Die Hände auf die Schreibtischkante. Meine Augen treffen seine. Damit habe ich ihn richtig schön kalt erwischt und er weiß nicht sofort, wie er darauf reagieren soll.
„Was läuft da genau mit dem Gewerkschaftshaus?“
Der Schreck in seinen Augen sagt alles. Die Kugel bleibt liegen. Schwarz gewinnt. Und ich lächle, denn ich weiß, das Böse siegt immer. So haben es uns die Ärzte schon vor vielen Jahren gelehrt. Und wem sollen wir trauen, wenn nicht den Halbgöttern in Weiß?
„Herr Krawallek, lassen sie uns in Ruhe reden.“
„Ich denke, es ist im Moment alles gesagt.“
Drehung um 180 Grad und raus. Die Tuse guckt verwirrt. So schell hat sie nicht mit mir gerechnet. Und nicht in einem so gutem Zustand. Und schon gar nicht mit einem fröhlichen Lächeln im Gesicht.
Die Versuchung ist zu groß. Zu viel Euphorie und Adrenalin. Ich tätschle ihre von Unmengen Haarspray geformte Frisur.
„Na Mädchen, alles claro am Kilimandscharo?“
Sie ist total fassungslos und öffnet den Mund. Aber es kommt nichts. Bestenfalls ein wenig warme Luft. Ansonsten nur Schweigen im Walde beziehungsweise im Vorzimmer. Weiter geht es Richtung Tür. Ich will raus. Muss mir die Händewaschen. Mit so klebrigen Fingern kann man keine Zigaretten drehen.
Hinter mir brüllt der OB.
„Frau Schulz, sofort in mein Büro!“
So ist er. Der Frust muss raus. Er sucht sich ein wehrloses Opfer. So war er schon immer.
Kurz darauf lehne ich draußen an der Wand und rauche meine mit frisch gewaschenen Händen gekurbelte Flupppe. Für den Moment bin ich erst mal aus der Nummer. Aber von jetzt an gilt erhöhte Vorsicht. Das ist lange nicht zu Ende.
Wenn ich sowieso hier im Rathaus bin, kann ich auch noch ein wenig bleiben. Wir brauchen Hilfe, Vielleicht finden wir die hier direkt im Zentrum der lokalen Macht.
DreiElf ist ein Kandidat. Der Datenmörder ist verlässlich und wir mögen uns. Selbst wenn er nicht helfen kann oder will, wird er mich nicht in die Pfanne hauen.
Glaube ich zumindest. Und Glaube soll ja Berge versetzten können, heißt es aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen. Aber Berge sind nicht das Problem, was aber auch zum Großteil daran liegt, dass wir hier in der Gegend eigentlich keine haben.
Keine Ahnung, wo sein Büro ist. Aber so viel EDV-Leute gibt es hier nicht. Gesucht, gefunden und rein. DreiElf hebt den Kopf und fängt an zu lachen.
„Waller, du dreistes Arschloch.“
Wir mögen uns halt.
„Du hast ganz schon Strom in den Laden gebracht.“
Offensichtlich ist der Flurfunk in einem sehr guten Zustand. Sowohl die Sender als auch die Empfänger scheinen frisch in der Wartung gewesen zu sein. Ist alles doch gerade erst eine knappe Viertelsunde her und selbst die EDV weiß schon Bescheid. Und die sind bei solchen Sachen in der Regel die, die als letzte was mitkriegen. Das wird sicher auch erst anders, wenn irgendwann auch der Flurfunk digitalisiert ist und übers Breitbandkabel läuft.
„Ich könnte deine Hilfe brauchen.“
Ohne zu zögern oder weitere Fragen zu stellen greift er nach seinen Zigaretten.
„Draußen.“
Unterwegs hält er seinen Chip an die Stempeluhr.
„Du erinnerst dich, das du jedes Terminal in jedem Gebäude benutzen darfst?“
Ich winke ab. ‚Er kneift mir ein Auge zu.
„Du stempelst nie zum rauchen aus.“
Draußen gehen wir bis ganz hinten durch. Da steht nur selten einer rum und im November schon gar nicht. Hier haben wir Ruhe. DreiElf bekommt von mir Input.
„Und jetzt willst du von mir, dass ich mal so ganz heimlich durch die virtuellen Gänge schleiche und hier und da mal einen Blick riskiere?“
Tonlage und Mimik lassen keine Rückschlüsse zu. Daher nicke ich einfach nur. So was in der Art stelle ich mir vor.
„Alles klar, wenn ich was finde, melde ich mich.“
Wir tauschen Mobilnummern. Er drückt mir kurz die Hand und geht. Es ist gut, dass er dabei ist.
Der Tag läuft bisher wirklich gut. Geht da noch was? Siouxsie? Die Begeisterung hält sich in engen Grenzen, aber sie ist eine von meinen Aufgaben. Oder vielleicht auch Herausforderungen. Je nach Standpunkt und Sichtweise.
Zumindest weiß ich, wo ihr Büro ist. Auf der Treppe summe ich vor mich hin. The Smiths. „Girl Afraid“
Tür auf und ganz fix rein. Sie ist alleine im Raum. Gut. Sie wirkt überrascht, vielleicht gleichzeitig sogar ein weinig erfreut mich zu sehen. Was auch immer das bedeuten mag.
„Hi Waller, willst du dich doch mit mir daten?“
„Selber ein hi, Und nein, kein Date.“
Ehe sie mich gleich wieder rausschmeißen kann, parke ich schnell meinen Hintern auf der Schreibtischkante. Sie guckt ein wenig so, als wenn ich das Schild übersehen hätte und jetzt dort im Halteverbot sitzen würde.
„Ich möchte um deine Hilfe bitten. Die wollen hier intern irgendwas mit dem Gewerkschaftshaus drehen und dann ist auch das „Mercy Seat“ Geschichte.“
Ihr Blickt geht zur Decke Richtung Chefetage.
„Du hast da oben ganz schön gezündelt. Der Chef tobt. Und die Schulz heult.“
Ihre Miene zeigt reichlich wenig Bedauern für die beiden. Ganz im Gegenteil. Bevor ich auch nur ein einziges Wort dazu sagen kann, springt sie plötzlich auf. Sie steht jetzt ganz nah vor mir. Auge in Auge.
„Waller, was habt ihr vor? Bist du wahnsinnig? Was soll das denn werden?“
Ich erinnere mich, sie ist manchmal etwas emotional, aber das sind alles berechtigte Fragen. Ich suche nach Worten. Aber suchen bedeutet nicht immer auch schnell finden.
„Und was soll ich jetzt dabei tun?“
Siouxsie ist manchmal etwas sprunghaft, aber meist am Ende doch eine Bank.
„Wir müssen etwas über diese Erbengemeinschaft von Holger Schäfer rausfinden. Wer sich dahinter verbirgt und so. Namen und was sonst noch geht. Zeus versucht da auch was über die Sparkassenschiene. Und halt alles, was mit der Sache zu tun haben könnte. “
Sie nickt nachdenklich. Plötzlich durchquert eine abenteuerliche, aber gute Idee meinen Kopf, bevor sie ganz durch ist, halte ich sie noch schnell fest.
„Kannst du heute Abend um acht im „Mercy Seat“ sein?“
„Willst du dich jetzt doch mit mir daten?“
„Nein. Immer noch nicht.“
„Ich werde da sein.“
Sie hat angebissen. Sie ist neugierig. Es ist gut, dass sie mit an Bord ist.
Raus aus dem Rathaus. Rein in ein Cafe. Mittagszeit.
Eine SMS an Pete. Er soll mich später auch wieder ausstempeln. Von der Stadtverwaltung habe ich für heute genug. Die Antwort besteht nur aus einem Wort.
„Bombenleger“
Der Flurfunk hat auch unser Gebäude erreicht.
Zuhause ist niemand. Luz hat sich für heute ein paar Termine gemacht.
Ich suche mir was von And Also The Trees aus dem Regal. Es ist Zeit für etwas ruhiges. Ich komme nicht an der „Virus Meadwow“ vorbei. Das ganze Ding ist aus einem Guss. Ein absolutes Knalleralbum.
Luz kommt heim.
„Immerhin lebst du noch.“
Ich erzähle ihr von meinem Auftritt beim Chef. Und von DreiElf. Und von Siouxsie. Sie funkelt mich an. Bevor sie auch nur ein Wort raus bekommt, rede ich weiter.
„Und die kommt heute ins „Mercy Seat“ und du wirst mit mir dahin gehen.“
Ein ungewolltes Grinsen von einem Ohr zum anderen. Meine Mimik gerät schon wieder außer Kontrolle. So geht das damit nicht weiter, ich muss das zügig wieder in den Griff kriegen.
„Und mehr sage ich jetzt nicht dazu. Warts ab“
Sie mustert mich. Dann lächelt sie.
Um halb acht sind wir auf dem Weg. Ich hoffe, ich habe nichts vergessen und es läuft gleich so, wie ich es hoffentlich geschickt eingestielt habe.
Wir treten ein. Zeus steht alleine an unseren Tischen. Er ist jeden Montag um diese Zeit da. Vorher besucht er seine Muter im Pflegeheim um die Ecke. Auch wenn sonst niemand kommt, auf ein Bier bleibt er immer. Wir gesellen uns zu ihm.
Kati bringt die Getränke und wirft mir heimlich einen verschwörerischen Blick zu.
Die Gläser bimmeln.
Acht Uhr. Siouxsie kommt rein und zu uns rüber. Ein kurzes Hallo. Dann Schweigen.
Siouxsie und Zeus sind beide an der Erbengemeinschaft dran. Da haben sie sich bestimmt einiges zu bereden. Und Zeus steht auf Siouxsie. Schon lange.
Zeit für Luz und mich zu gehen. Mein Handy klingelt.
„Hallo?“
Ich höre zu, auch wenn auf der anderen Seite nicht gesprochen wird. Hinter der Theke steht Kati mit ihrem Telefon in der Hand und schielt grinsend zu mir rüber.
„Alles klar. Wir sind unterwegs.“
„Tut mir leid, Luz und ich müssen weg.“
Und schon setze ich mich in Bewegung. Luz folgt mir und fragt sich wohl, was los sein könnte. Ich winke Kati und Nick zu. Draußen hält mich Luz fest.
„Wer hat denn jetzt angerufen? Was ist denn passiert.“
„Nichts ist passiert. Kati hat angerufen. Der Zeus steht doch voll auf die Siouxsie. Und der kommt bei so was doch nicht in die Gänge. Da wollt ich ihm mal über die Straße helfen“
„Scheiße. Der Waller ist mit Amors Pfeil und Bogen zugange. Ich fasse es nun wirklich nicht.“
Wir schütteln uns vor lachen. Der Captain taucht auf.
„Hi, ist mit euch alles in Ordnung?“
Statt einer Antwort zeigen wir auf das Fenster. Er guckt rein und sieht Zeus und Siouxsie dicht beieinander stehend und intensiv ins Gespräch vertieft.
„Wie hat er das denn jetzt plötzlich hingekriegt? Das hat er doch ewig nicht auf die Kette bekommen.“
Luz zeigt auf mich.
„Da hat der Liebesbote hier seine Finger drin.“
Der Captain lacht erst, wird dann aber ernst.
„Waller, es könnte Ärger geben. Du hast da heute wohl was losgetreten.“
„Ja, mag sein.“
„Nein, ist so. ich habe vorhin meinen Nachbarn getroffen, der ist bei den Sheriffs. Der OB hat heute Nachmittag den Oberpolizeimenschen besucht. Es ging um den Einbruch bei Seelmann in der Firma. Und der OB hat dabei deinen Namen genannt.“
Das ist jetzt doch überraschend.
„Die Sheriffs wissen aber nicht so genau, was sie jetzt machen sollen. Da war nichts Handfestes dabei. Wenn die dich besuchen, weißt du zumindest warum.“
Im Gegenzug erzähle ich im, was heute Vormittag so geschehen ist.
„Geht ihr noch woanders was trinken?“
„Nein, wir müssen heute früh ins Bett.“
Luz verdreht die Augen. Der Captain geht grinsend seiner Wege. Jetzt haben wir auch noch die Sheriffs am Hacken.
„Komm du Held, wir müssen früh ins Bett.“
Luz nimmt meine Hand und lächelt. Ein wüster Tag. Aber er hätte schlimmer sein können.
Und zwar deutlich.
***
Am Montag geht es weiter.
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