Montag, 5. Dezember 2016
03 Nick Cave & The Bad Seeds “That Mercy Seat”
krawallek, 00:06h
Mittwoch
Halb neun. Mittwoch, der klassische In-Der-Woche-Ausgeh-Tag. In den Achtziger und Neunziger sind wir später dann immer noch in die Discos. Alle hatten auf, viele waren da. Living like there’s no tomorrow. Die Zeiten sind aber vorbei, also nur auf drei, vier Bier in die Kneipe.
Ich hangele nach meinen Docs. Wie immer zuerst den linken Schlappen. Ich glaube ganz fest daran, dass mir großes Unheil droht, wenn ich den rechten vor dem linken anziehe. Wahrscheinlich sehen das die Rechten genau anders rum.
Gestern habe ich die Tuse vom OB angerufen. Was blieb mir. Irgendwann im Laufe des Vormittags musste es passieren. Ich kann auf die Frau gar nicht und ergötze mich ein wenig an ihrer Empörung über mein respektlos Benehmen. Zumindest ein kleiner Spaß.
Aber am Montag um zehn habe ich dort einen Auftritt. Als Solist. Beim Chef. Ich würde einen Plan brauchen. Bis jetzt habe ich keinen.
Montag - würde mich da Blue Monday retten? Wenn ja, müsste ich mich danach aber wirklich warm anziehen. Ich würde im Anschluss auf jeden Fall auch einen Plan B brauchen. Und der müsste aber mal absolut ein Knaller sein. Alles Spekulation und Zukunftsmusik. Ich habe noch nicht mal den dringend notwendigen Plan A.
Zurück in die Küche. Luz sitzt am Tisch und liest. Im Hintergrund „No Rest For The Wicked“ von New Model Army. Die Frau hat Geschmack.
Ich küsse sie zum Abschied. Weil ich es darf. Weil nur ich es darf.
* * *
Und schon bin ich auf dem Weg. Ins „Mercy Seat“. Weit mehr als nur irgendeine Kneipe. Unsere Kneipe. Schon immer. Und für ewig. „First And Last And Always“.
Fünf Minuten Fußweg, genau eine Zigarette.
Der Laden entstand in der Zeit, als der Kommunismus vor dem Kapital kapitulierte und uns im Zuge dessen auch die Wiedervereinigung beschert wurde.
Die Hütte ist in einem alten Gewerkschaftshaus, das der Stadt gehört. Das Ding ist aber über so eine Art Pachtvertrag für 99 Jahre damals an einen Typen gegangen. Der ist längst tot und jetzt hängen da seine Erben drin. Keiner weiß da genau Bescheid. Will eigentlich auch niemand wirklich wissen. Wahrscheinlich wissen die das selbst nicht so genau. Zumindest war von denen noch nie was zu sehen oder hören.
Der Typ wollte damals aber eine Kneipe da drin haben und suchte einen Wirt. Er fand aber stattdessen nur Helmut Pozigalla. Und die beiden machten einen Deal. Auf Lebenszeit. Von dem, der länger durchhalten würde.
Die Wege von Helmut, der damals noch Galli genannt wurde , und uns hatten sich zwei Jahre vorher im „Klaro“ bereits gekreuzt. Das war ein sehr angesagter Underground-Club mit unglaublich guter und lauter Musik. Galli stand da hinter der Theke und hat immer mal vergessen, die Biere auf unserer Karte einzutragen. Der war auch sonst gut drauf und bald wurden wir Freunde.
Auffällig an Galli war schon immer, dass er ein noch gestörteres Verhältnis zu staatlichen Institutionen und so was hat, als der Rest von uns. Und wir halten da schon wirklich nicht viel von. Da geht er nur Kompromisse ein, wenn es gar nicht anders läuft. Das ging wohl schon als Jugendlicher los, denn er hat keinen Schulabschluss, weil er die öffentliche Schule einfach nicht mehr besucht hat. Bei so was kann er wirklich total eisern sein.
‚Dann übernahm Helmut Pozigalla den Laden und trommelte alle zusammen, die nicht schnell genug auf dem Baum waren. Das waren in erster Linie wir. Und wir renovierten und wir malochten. Und das Ergebnis war der Hammer.
Und ist es auch heute noch. Etwa alle drei Jahre bringen wir den Laden wieder richtig auf Vordermann. Der ganze Rest der Hütte ist aber leider inzwischen leer und auch ziemlich heruntergekommen.
Und da Helmut zu der Zeit unglaublich auf Nick Cave stand, nannte er den Schuppen „Mercy Seat“ und wir ihn seitdem nur noch Nick. Eine deutliche Verbesserung zu Helmut Pozigalla und Galli.
Und am Mittwoch sind wir immer alle da. Manchmal auch am Dienstag oder Donnerstags. Am Wochenende sowieso. Aber am Mittwoch immer.
Mittwochs tragen wir es auch richtig am Kicker aus. Nick hat damals, als der Laden neu war, zwei Supertische organisiert. Die hegen und pflegen wir seitdem voller Hingabe. Solche Tische gibt es heute nicht mehr zu kaufen. In den meisten Kneipen ist Kickern auch nicht mehr so richtig hipp, bei uns aber schon. Wir spielen immer noch. Und wir spielen richtig gut. Mehr als zwanzig Jahre intensive Übung haben tiefe Spuren hinterlassen.
Ein letzter Zug aus der Kippe. Ich bin da. Tür auf und rein. Interpol „PDA“, tolle Musik aus dem dritten Jahrtausend.
Wie immer belagern wir die beiden Stehtische neben der Theke. Jeder weiß, für wen die da stehen. Auch die Teens und Twens die den Laden ebenfalls mögen. Das ist gut, das sichert den Bestand.
Pete ist schon da. Und TomTom, Zeus und der Captain. Mein Blick schweift durch den Raum.
„Keine Sorge, Siouxsie ist nicht da.“
Ich habe Pete von unserer Begegnung der dritten Art am Montag im Rathaus erzählt. Mein Bier kommt.
Die Gläser bimmeln.
Großes Palaver. Alle sind gut drauf. Snake kommt auch noch.
Wieder Gläser bimmeln.
TomTom ist damals in der Penne in der Zehn pappen geblieben und kam zu Pete und mir in die Klasse. Er setzte sich sofort zu uns die letzte Reihe. Ab da saßen dann nicht mehr zwei, sondern drei schwarz gekleidete Gesellen ganz hinten. TomTom ist der schlauste von uns. Der kann echt gut und schnell denken.
Ende der Achtziger gab es in der Innenstadt einen Plattenladen, der „Zeus Records“ hieß. Da war immer der gleiche Typ am arbeiten. Da gab es immer sofort alle neuen Scheiben. Der Typ war auch total nett und hatte auch voll Ahnung. Er hat extrem viel zu unserer musikalischen Bildung beigetragen und tut das auch heute noch. Wir dachten daher, er sei Zeus und das wäre sein Laden. Also nannten wir ihn Zeus. Irgendwann stellten wir fest, dass er nicht Zeus und dass das auch nicht sein Laden war. Wir nennen ihn aber noch heute Zeus. Das ist ein guter Name.
Snake ist der große Bruder von Eve und der Captain ist schon immer sein Kumpel. Die beiden sind Nachbarskinder. Eve war oder ist die große Liebe von Pete. Die beiden waren auch etwa zehn Jahre zusammen, ehe sie in den Sack gehauen hat. Eve ist längst aus unserem Universum verschwunden, aber Snake und der Captain sind uns zum Glück darin erhalten geblieben.
Wir rauchen. Nick hält das Rauchverbot für eine Option. Kati, Nicks Tochter, bringt eine neue Runde.
Die Gläser bimmeln.
Die Tür geht auf und der Preacherman kommt rein. Der Typ ist knapp zwei Meter hoch und sieht aus, als wäre er bei den Sisters Of Mercy oder den Fields Of The Nephillim von der Bühne gefallen. Mit allem was dazu gehört. Großer Hut, langer Mantel, schwere Stiefel. Es fehlt nur der ganze Staub auf den Klamotten. Kein Mensch weiß, wie er heißt oder wo er wohnt oder sonst was. Nachdem er einige Male da war, haben wir ihn gefragt, wie wir ihn nennen sollen. Da hat er uns mit seinen dunklen Augen angesehen und ganz ruhig gesagt: „Ihr nennt mich Preacherman, wenn ihr von mir sprecht, also nennt mich auch Preacherman, wenn ihr mit mir sprecht“. Dabei wirkte er irgendwie ein bisschen unheimlich. Uns war gar nicht bewusst, dass wir das je laut ausgesprochen haben, wenn er da war. Vielleicht ist er ja auch ein Medium oder so was in der Art. Normalerweise spricht er nicht über sich. Meist spricht er gar nicht. Aber wenn doch, dann aber volles Programm.
Alle schauen Richtung Eingang. Mann weiß nie, was passiert. Entweder setzt er sich in einer Ecke allein an einen Tisch, trinkt sein Bier und brütet still vor sich hin. Oder er predigt. In einer Tour. Laut und eindringlich. Seine Themen dabei sind im Prinzip okay, aber die Art ist wirklich anstrengend.
Es ist ein Rätsel ,welche dieser beiden Inkarnationen jetzt durch Drogen hervorgerufen ist und welche nicht. Vielleicht sind es aber auch nur kleine Stimmungsschwankungen.
Er geht in eine Ecke und setzt sich. Das „Mercy Seat“ atmet auf.
Aber etwas stimmt nicht.
Kati hat die „Dawnrazor“ CD schon in der Hand, aber Nick tippt sie an und schüttelt den Kopf.
Etwas stimmt nicht. Nick bringt ihm ein Bier. Der Preacherman wirkt unsicher und nervös. Das hat es noch nie gegeben. Er schaut zu uns rüber und wir schauen zurück. Doch eine seiner gefürchteten Predigten?
Der Preacherman steht auf, nimmt sein Glas und geht in unsere Richtung. Wir rechnen mit allem und auch mit dem schlimmsten. Besser ist das.
„Ich muss mit euch reden.“
Damit haben wir nicht gerechnet.
„Und mit dir auch, Nick.“
Kati nickt ihm zu und er kommt zu uns rüber. Die meisten Teens und Twens sind bereits weg. Ist nicht mehr ihre Zeit.
Der Preacherman zögert und blickt in die Runde. Er ringt mit sich, seinen Händen und um Worte. Vielleicht spricht er wirklich nur äußerst selten mit Menschen.
„Ich war heute Morgen hier in der Straße.“
Der Preacherman lebt also auch tagsüber. Eigentlich selbstverständlich und doch gleichzeitig erstaunlich.
„Und hier standen Anzugsträger vor dem Haus und redeten von Abriss und so.“
Nick sieht ihn an.
„Geht nicht. Denkmalschutz.“
„Davon haben die auch gesprochen. Der soll wohl weg.“
Das klang jetzt aber nach einem Problem. Wenn die schon Pläne machen, das Haus abreißen zu wollen, muss im Vorfeld aber schon einiges bei der Stadt gelaufen sein. Da müssen auch diese Erben mit drin stecken.
Das „Mercy Seat“ dem Erdboden gleich gemacht? Das können wir uns überhaupt nicht vorstellen. Nicht mal im Ansatz. Aber vor einigen Minuten hatte ich mir auch nicht vorstellen können, dass wir uns mit dem Preacherman unterhalten würden. Und das tun wir jetzt gerade.
„Pete, Waller, ihr seid doch bei der Stadt. Da müsst ihr doch easy was rauskriegen können.“
„Wir können easy rauskriegen, wann die Pole Dance Mädels von Arminia in welcher Halle Training haben.“.
Pete ist manchmal echt trocken.
Alle reden drauf los, weil keiner eine Ahnung hat. Kati bringt neue Getränke.
Die Gläser bimmeln nur verhalten.
Im Hinterkopf entsteht das Gefühl, dass ich was Sinnvolles beitragen könnte. Es dauert aber, bis es sich zu einem kompletten Satz entwickelt.
„Der Seelmann hängt da mit drin. Luz war bei seiner Ollen und die hat ihr erzählt, dass die hier in der Gegend was in Planung haben. Ein ganz frisches Projekt soll das sein. Das kann ja dann wohl nur hier sein.“
Schweigen. Das „Mercy Seat“ womöglich ausgerechnet an diese Gestalt zu verlieren, wäre ja noch schlimmer.
„Und Montag in dem Palaver vom OB war da auch was. Hab ich aber nicht richtig mitgekriegt ...“
„Gibt es ein Protokoll von der Show?“
TomTom ist clever. Er denkt schnell.
“Das gibt es immer auf den letzten Drücker vor der nächsten Sitzung. Da gehen noch mehr als drei Wochen dahin, bis das bei mir eintrudelt. Die Veranstaltung dient doch nur zur Selbstdarstellung des obersten Herrn der Verwaltung. Es soll andächtig gelauscht und nicht kritisch nachgebohrt werden.“
„Dann musst du da vorher dran kommen oder sonst wie was in Erfahrung bringen.“
Vor meinem geistigen Auge erscheint das Bild , wie ich Montag bei meiner Abwatschung den OB noch beiläufig frage, ob seine Tuse das Protokoll schon fertig habe und mir das mal eben ausdrucken könne. Das würde nicht einfach werden. Die meisten von denen, die was wissen könnten, sind nicht unbedingt Freunde von Pete und mir. Eher ganz im Gegenteil. Das würde wirklich nicht einfach werden.
Es geht noch eine Zeit lang hoch her. Es ist spät, als wir die Tür hinter uns schließen. Wir sind noch nicht mal zum Kickern gekommen.
Ich drehe mir eine und latsche los. Gleich mehrere ernste Probleme. Ein paar Lösungen wären ganz nett. Und besonders nett wäre, wenn die Lösungen nicht einfach nur Lösungen wären, sondern auch zu den Problemen passen würden.
Daheim. Luz schläft schon. Ich liege die ganze Nacht wach.
Der Wecker scheppert.
-----
Am Freitag geht es weiter ...
Halb neun. Mittwoch, der klassische In-Der-Woche-Ausgeh-Tag. In den Achtziger und Neunziger sind wir später dann immer noch in die Discos. Alle hatten auf, viele waren da. Living like there’s no tomorrow. Die Zeiten sind aber vorbei, also nur auf drei, vier Bier in die Kneipe.
Ich hangele nach meinen Docs. Wie immer zuerst den linken Schlappen. Ich glaube ganz fest daran, dass mir großes Unheil droht, wenn ich den rechten vor dem linken anziehe. Wahrscheinlich sehen das die Rechten genau anders rum.
Gestern habe ich die Tuse vom OB angerufen. Was blieb mir. Irgendwann im Laufe des Vormittags musste es passieren. Ich kann auf die Frau gar nicht und ergötze mich ein wenig an ihrer Empörung über mein respektlos Benehmen. Zumindest ein kleiner Spaß.
Aber am Montag um zehn habe ich dort einen Auftritt. Als Solist. Beim Chef. Ich würde einen Plan brauchen. Bis jetzt habe ich keinen.
Montag - würde mich da Blue Monday retten? Wenn ja, müsste ich mich danach aber wirklich warm anziehen. Ich würde im Anschluss auf jeden Fall auch einen Plan B brauchen. Und der müsste aber mal absolut ein Knaller sein. Alles Spekulation und Zukunftsmusik. Ich habe noch nicht mal den dringend notwendigen Plan A.
Zurück in die Küche. Luz sitzt am Tisch und liest. Im Hintergrund „No Rest For The Wicked“ von New Model Army. Die Frau hat Geschmack.
Ich küsse sie zum Abschied. Weil ich es darf. Weil nur ich es darf.
* * *
Und schon bin ich auf dem Weg. Ins „Mercy Seat“. Weit mehr als nur irgendeine Kneipe. Unsere Kneipe. Schon immer. Und für ewig. „First And Last And Always“.
Fünf Minuten Fußweg, genau eine Zigarette.
Der Laden entstand in der Zeit, als der Kommunismus vor dem Kapital kapitulierte und uns im Zuge dessen auch die Wiedervereinigung beschert wurde.
Die Hütte ist in einem alten Gewerkschaftshaus, das der Stadt gehört. Das Ding ist aber über so eine Art Pachtvertrag für 99 Jahre damals an einen Typen gegangen. Der ist längst tot und jetzt hängen da seine Erben drin. Keiner weiß da genau Bescheid. Will eigentlich auch niemand wirklich wissen. Wahrscheinlich wissen die das selbst nicht so genau. Zumindest war von denen noch nie was zu sehen oder hören.
Der Typ wollte damals aber eine Kneipe da drin haben und suchte einen Wirt. Er fand aber stattdessen nur Helmut Pozigalla. Und die beiden machten einen Deal. Auf Lebenszeit. Von dem, der länger durchhalten würde.
Die Wege von Helmut, der damals noch Galli genannt wurde , und uns hatten sich zwei Jahre vorher im „Klaro“ bereits gekreuzt. Das war ein sehr angesagter Underground-Club mit unglaublich guter und lauter Musik. Galli stand da hinter der Theke und hat immer mal vergessen, die Biere auf unserer Karte einzutragen. Der war auch sonst gut drauf und bald wurden wir Freunde.
Auffällig an Galli war schon immer, dass er ein noch gestörteres Verhältnis zu staatlichen Institutionen und so was hat, als der Rest von uns. Und wir halten da schon wirklich nicht viel von. Da geht er nur Kompromisse ein, wenn es gar nicht anders läuft. Das ging wohl schon als Jugendlicher los, denn er hat keinen Schulabschluss, weil er die öffentliche Schule einfach nicht mehr besucht hat. Bei so was kann er wirklich total eisern sein.
‚Dann übernahm Helmut Pozigalla den Laden und trommelte alle zusammen, die nicht schnell genug auf dem Baum waren. Das waren in erster Linie wir. Und wir renovierten und wir malochten. Und das Ergebnis war der Hammer.
Und ist es auch heute noch. Etwa alle drei Jahre bringen wir den Laden wieder richtig auf Vordermann. Der ganze Rest der Hütte ist aber leider inzwischen leer und auch ziemlich heruntergekommen.
Und da Helmut zu der Zeit unglaublich auf Nick Cave stand, nannte er den Schuppen „Mercy Seat“ und wir ihn seitdem nur noch Nick. Eine deutliche Verbesserung zu Helmut Pozigalla und Galli.
Und am Mittwoch sind wir immer alle da. Manchmal auch am Dienstag oder Donnerstags. Am Wochenende sowieso. Aber am Mittwoch immer.
Mittwochs tragen wir es auch richtig am Kicker aus. Nick hat damals, als der Laden neu war, zwei Supertische organisiert. Die hegen und pflegen wir seitdem voller Hingabe. Solche Tische gibt es heute nicht mehr zu kaufen. In den meisten Kneipen ist Kickern auch nicht mehr so richtig hipp, bei uns aber schon. Wir spielen immer noch. Und wir spielen richtig gut. Mehr als zwanzig Jahre intensive Übung haben tiefe Spuren hinterlassen.
Ein letzter Zug aus der Kippe. Ich bin da. Tür auf und rein. Interpol „PDA“, tolle Musik aus dem dritten Jahrtausend.
Wie immer belagern wir die beiden Stehtische neben der Theke. Jeder weiß, für wen die da stehen. Auch die Teens und Twens die den Laden ebenfalls mögen. Das ist gut, das sichert den Bestand.
Pete ist schon da. Und TomTom, Zeus und der Captain. Mein Blick schweift durch den Raum.
„Keine Sorge, Siouxsie ist nicht da.“
Ich habe Pete von unserer Begegnung der dritten Art am Montag im Rathaus erzählt. Mein Bier kommt.
Die Gläser bimmeln.
Großes Palaver. Alle sind gut drauf. Snake kommt auch noch.
Wieder Gläser bimmeln.
TomTom ist damals in der Penne in der Zehn pappen geblieben und kam zu Pete und mir in die Klasse. Er setzte sich sofort zu uns die letzte Reihe. Ab da saßen dann nicht mehr zwei, sondern drei schwarz gekleidete Gesellen ganz hinten. TomTom ist der schlauste von uns. Der kann echt gut und schnell denken.
Ende der Achtziger gab es in der Innenstadt einen Plattenladen, der „Zeus Records“ hieß. Da war immer der gleiche Typ am arbeiten. Da gab es immer sofort alle neuen Scheiben. Der Typ war auch total nett und hatte auch voll Ahnung. Er hat extrem viel zu unserer musikalischen Bildung beigetragen und tut das auch heute noch. Wir dachten daher, er sei Zeus und das wäre sein Laden. Also nannten wir ihn Zeus. Irgendwann stellten wir fest, dass er nicht Zeus und dass das auch nicht sein Laden war. Wir nennen ihn aber noch heute Zeus. Das ist ein guter Name.
Snake ist der große Bruder von Eve und der Captain ist schon immer sein Kumpel. Die beiden sind Nachbarskinder. Eve war oder ist die große Liebe von Pete. Die beiden waren auch etwa zehn Jahre zusammen, ehe sie in den Sack gehauen hat. Eve ist längst aus unserem Universum verschwunden, aber Snake und der Captain sind uns zum Glück darin erhalten geblieben.
Wir rauchen. Nick hält das Rauchverbot für eine Option. Kati, Nicks Tochter, bringt eine neue Runde.
Die Gläser bimmeln.
Die Tür geht auf und der Preacherman kommt rein. Der Typ ist knapp zwei Meter hoch und sieht aus, als wäre er bei den Sisters Of Mercy oder den Fields Of The Nephillim von der Bühne gefallen. Mit allem was dazu gehört. Großer Hut, langer Mantel, schwere Stiefel. Es fehlt nur der ganze Staub auf den Klamotten. Kein Mensch weiß, wie er heißt oder wo er wohnt oder sonst was. Nachdem er einige Male da war, haben wir ihn gefragt, wie wir ihn nennen sollen. Da hat er uns mit seinen dunklen Augen angesehen und ganz ruhig gesagt: „Ihr nennt mich Preacherman, wenn ihr von mir sprecht, also nennt mich auch Preacherman, wenn ihr mit mir sprecht“. Dabei wirkte er irgendwie ein bisschen unheimlich. Uns war gar nicht bewusst, dass wir das je laut ausgesprochen haben, wenn er da war. Vielleicht ist er ja auch ein Medium oder so was in der Art. Normalerweise spricht er nicht über sich. Meist spricht er gar nicht. Aber wenn doch, dann aber volles Programm.
Alle schauen Richtung Eingang. Mann weiß nie, was passiert. Entweder setzt er sich in einer Ecke allein an einen Tisch, trinkt sein Bier und brütet still vor sich hin. Oder er predigt. In einer Tour. Laut und eindringlich. Seine Themen dabei sind im Prinzip okay, aber die Art ist wirklich anstrengend.
Es ist ein Rätsel ,welche dieser beiden Inkarnationen jetzt durch Drogen hervorgerufen ist und welche nicht. Vielleicht sind es aber auch nur kleine Stimmungsschwankungen.
Er geht in eine Ecke und setzt sich. Das „Mercy Seat“ atmet auf.
Aber etwas stimmt nicht.
Kati hat die „Dawnrazor“ CD schon in der Hand, aber Nick tippt sie an und schüttelt den Kopf.
Etwas stimmt nicht. Nick bringt ihm ein Bier. Der Preacherman wirkt unsicher und nervös. Das hat es noch nie gegeben. Er schaut zu uns rüber und wir schauen zurück. Doch eine seiner gefürchteten Predigten?
Der Preacherman steht auf, nimmt sein Glas und geht in unsere Richtung. Wir rechnen mit allem und auch mit dem schlimmsten. Besser ist das.
„Ich muss mit euch reden.“
Damit haben wir nicht gerechnet.
„Und mit dir auch, Nick.“
Kati nickt ihm zu und er kommt zu uns rüber. Die meisten Teens und Twens sind bereits weg. Ist nicht mehr ihre Zeit.
Der Preacherman zögert und blickt in die Runde. Er ringt mit sich, seinen Händen und um Worte. Vielleicht spricht er wirklich nur äußerst selten mit Menschen.
„Ich war heute Morgen hier in der Straße.“
Der Preacherman lebt also auch tagsüber. Eigentlich selbstverständlich und doch gleichzeitig erstaunlich.
„Und hier standen Anzugsträger vor dem Haus und redeten von Abriss und so.“
Nick sieht ihn an.
„Geht nicht. Denkmalschutz.“
„Davon haben die auch gesprochen. Der soll wohl weg.“
Das klang jetzt aber nach einem Problem. Wenn die schon Pläne machen, das Haus abreißen zu wollen, muss im Vorfeld aber schon einiges bei der Stadt gelaufen sein. Da müssen auch diese Erben mit drin stecken.
Das „Mercy Seat“ dem Erdboden gleich gemacht? Das können wir uns überhaupt nicht vorstellen. Nicht mal im Ansatz. Aber vor einigen Minuten hatte ich mir auch nicht vorstellen können, dass wir uns mit dem Preacherman unterhalten würden. Und das tun wir jetzt gerade.
„Pete, Waller, ihr seid doch bei der Stadt. Da müsst ihr doch easy was rauskriegen können.“
„Wir können easy rauskriegen, wann die Pole Dance Mädels von Arminia in welcher Halle Training haben.“.
Pete ist manchmal echt trocken.
Alle reden drauf los, weil keiner eine Ahnung hat. Kati bringt neue Getränke.
Die Gläser bimmeln nur verhalten.
Im Hinterkopf entsteht das Gefühl, dass ich was Sinnvolles beitragen könnte. Es dauert aber, bis es sich zu einem kompletten Satz entwickelt.
„Der Seelmann hängt da mit drin. Luz war bei seiner Ollen und die hat ihr erzählt, dass die hier in der Gegend was in Planung haben. Ein ganz frisches Projekt soll das sein. Das kann ja dann wohl nur hier sein.“
Schweigen. Das „Mercy Seat“ womöglich ausgerechnet an diese Gestalt zu verlieren, wäre ja noch schlimmer.
„Und Montag in dem Palaver vom OB war da auch was. Hab ich aber nicht richtig mitgekriegt ...“
„Gibt es ein Protokoll von der Show?“
TomTom ist clever. Er denkt schnell.
“Das gibt es immer auf den letzten Drücker vor der nächsten Sitzung. Da gehen noch mehr als drei Wochen dahin, bis das bei mir eintrudelt. Die Veranstaltung dient doch nur zur Selbstdarstellung des obersten Herrn der Verwaltung. Es soll andächtig gelauscht und nicht kritisch nachgebohrt werden.“
„Dann musst du da vorher dran kommen oder sonst wie was in Erfahrung bringen.“
Vor meinem geistigen Auge erscheint das Bild , wie ich Montag bei meiner Abwatschung den OB noch beiläufig frage, ob seine Tuse das Protokoll schon fertig habe und mir das mal eben ausdrucken könne. Das würde nicht einfach werden. Die meisten von denen, die was wissen könnten, sind nicht unbedingt Freunde von Pete und mir. Eher ganz im Gegenteil. Das würde wirklich nicht einfach werden.
Es geht noch eine Zeit lang hoch her. Es ist spät, als wir die Tür hinter uns schließen. Wir sind noch nicht mal zum Kickern gekommen.
Ich drehe mir eine und latsche los. Gleich mehrere ernste Probleme. Ein paar Lösungen wären ganz nett. Und besonders nett wäre, wenn die Lösungen nicht einfach nur Lösungen wären, sondern auch zu den Problemen passen würden.
Daheim. Luz schläft schon. Ich liege die ganze Nacht wach.
Der Wecker scheppert.
-----
Am Freitag geht es weiter ...
... comment