Freitag, 2. Dezember 2016
02 Killing Joke “Money Is Not Our God”
krawallek, 00:29h
Dienstag
Das Portemonnaie ist leer. Deshalb bin ich jetzt hier im Vorraum der Sparkasse und warte mehr oder weniger geduldig in der Schlange vor dem Geldautomaten. Mein MP3-Payer scheint zu wissen, wo ich gerade bin, und erfreut mich mit „All You Need Is Cash“ von One Thousand Violins. Eigentlich geht es in dem Lied nicht im Geringsten um bares oder wie auch immer geartetes Geld. So hieß der Song aber auf dem Debütalbum der Band. Auf späteren Compilations lautete der Titel des Lieds dann plötzlich „Like One Thousand Violins“. Seltsam, aber so steht es geschrieben. Zumindest ganz deutlich auf den Backcovers.
Wir haben Monatsanfang und ich bin auch noch während der Öffnungszeiten der Filiale eingetrudelt. Zu diesen Zeiten bin ich nur sehr selten hier. Und wie ich hier so vor mich hin lungere, weiß ich auch warum. Spät abends ist man viel schneller mit dem Thema durch.
Irgendwann habe ich dann die Kohle in der Tasche und bin schon fast wieder raus, gehe dann aber doch noch zum Kontoauszugsdrucker. Da ist im Moment gerade niemand zugange. Wenn ich schon hier bin, kann ich das gleich auch mal wieder machen. Ich schiebe die Karte in den Schlitz und das Teil fängt an zu rattern. Und hört auch erst mal gar nicht mehr damit auf.
Hinter mir bildet sich eine Schlange und es wird missbilligend gemurmelt. Als der Mann mit dem langen schwarzen Mantel sich umdreht und ohne Worte in die Runde fragt, ob etwas sei, hört das Gemurmel auch schnell wieder auf. Ich kehre der Meute wieder meinen Rücken zu und beobachte, wie Blatt für Blatt von dem Teil ausgespuckt wird.
Irgendwann ist dann doch mal Schluss und ich stopfe den ganzen Kram in die Tasche. Aus dem Inneren der Bank dringen aufgebrachte Stimmen an mein Ohr. Ein Riesengezeter. So was erzeugt sofort reichlich Aufmerksamkeit und alle wenden sich in die entsprechende Richtung. Die Spannung steigt. Ich lasse mich anstecken und nehme die Stöpsel aus den Ohren. Jetzt fällt mir erst auf, wie laut die sich wirklich anschreien. Da liegen die Nerven bei jemanden nicht nur ein bisschen blank.
Nach den Ohren werden jetzt auch die Augen bedient. Die Gestalten kommen ins Bild. Drei Männer. Zwei davon sind sofort als Mitarbeiter zu erkennen. Banker halt. Der dunkle dezente Anzug. Das obligatorische weiße Hemd. Die farblich abgestimmte Krawatte. Der ordentlich frisierte Kurzhaarschnitt. Banker halt. Wie man sie sich vorstellt. Jung, dynamisch, langweilig.
Interessanter ist aber der Typ in der Mitte. Der ist knapp unter sechzig, tut aber jünger. Der braune Anzug sieht billig aus, war aber bestimmt alles andere als preiswert. Hemd und Schlips bilden überhaupt keine Einheit, aber die Frisur ist auch der Hammer. Der Typ sieht aus wie ein Bauarbeiter im Kommunionanzug.
Die beiden dynamischen Jungbanker schieben ihn Richtung Ausgang.
„Seien Sie vernünftig. Die Entscheidungen werden hier unter objektiver Betrachtung der Fakten gefällt. Im Moment können wir Ihre Wünsche leider nicht erfüllen.“
Der ältere Typ brüllt die beiden ganz extrem an. Dabei scheint er auch eine feuchte Aussprache zu haben. Die Banker wirken etwas angewidert und wischen über ihre Sakkos. Der Typ läuft jetzt auch tiefrot an. Ich mache mir ein paar Sorgen, dass ihm der Kopf platzt. Da möchte ich nicht zu nah dran sein und achte deshalb auf einen gewissen Sicherheitsabstand. Dabei verpasse ich nichts, denn die schreien laut genug.
„Das ist reine Willkür, was hier passiert. Das wird Ihnen allen noch sehr, sehr leid tun!“
Die Jungbanker wirken wenig beeindruckt und scheinen auch emotional nicht so stark involviert. Das ist ihr Job, mehr nicht. Sie nicken ihm zu, wie man einem trotzigen Kind zunickt. Alles wird gut, aber jetzt kannst du das Maul halten. Sie dirigieren ihn weiter zur Tür.
„Bitte verlassen Sie jetzt das Gebäude. Ansonsten sehen wir uns gezwungen die Polizei zu kontaktieren.“
Dass sich der Typ durch die Drohung mit den Sheriffs auch bedroht fühlt, kommt mir nicht so vor. Trotzdem verlässt er die Sparkasse. Die Show scheint vorbei und ich schlendere auch nach draußen.
Der Typ marschiert auf eine dunkle Limousine zu. Das Ding sieht reichlich teuer aus, so schlimm scheint die Armut noch nicht zu sein. Auf der Beifahrerseite steigt eine Frau aus. Rein optisch sollte das wohl sein angetrautes Eheweib sein.
„Schatz, ist da drin alles gut gelaufen?“
„Steig sofort ein, ich will hier weg!“
Dann dreht er sich noch mal Richtung Sparkasse um. Die beiden Jungbanker stehen in der Tür und beobachten ihn. Bevor der nicht weg ist, werden die nicht reingehen. Wachhunde im Anzug und mit Krawatte.
„Ihr Wichser! Passt bloß auf!“
Jetzt dreht der Typ tatsächlich noch ein bisschen weiter auf. Ich hätte gar nicht gedacht, dass da noch Potential nach oben gewesen ist. Die Welt ist halt voller Überraschungen. Er fletscht jetzt seine Zähne wie eine Bulldogge auf Speed. Geifer oder Sabber ist aber bisher noch nicht zu sehen. Kann aber bestimmt noch kommen.
In meinen Kopf macht sich die Frage breit, ob der noch alle Tassen im Schrank. Oder ob der überhaupt je irgendwelche Tassen hatte. Oder zumindest einen Schrank. Aber auch solche Gestalten muss es geben. Selbst die sind nicht vollkommen überflüssig, sie können immer noch hervorragend als schlechtes Beispiel dienen.
Der Wagen schießt mit quietschenden Reifen los und ist auch schon um die Ecke. Die Jungbanker verdrücken sich in ihre Burg und ich wandere in die Richtung, in die auch der Typ gerast ist. An der Ecke sehe ich, dass er direkt in eine Radarfalle getappt ist. Die Sheriffs haben ihn voll am Hacken. Mit Vollgas in die Hölle.
Die Welt ist nicht immer ungerecht.
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Am Montag geht es weiter ...
Das Portemonnaie ist leer. Deshalb bin ich jetzt hier im Vorraum der Sparkasse und warte mehr oder weniger geduldig in der Schlange vor dem Geldautomaten. Mein MP3-Payer scheint zu wissen, wo ich gerade bin, und erfreut mich mit „All You Need Is Cash“ von One Thousand Violins. Eigentlich geht es in dem Lied nicht im Geringsten um bares oder wie auch immer geartetes Geld. So hieß der Song aber auf dem Debütalbum der Band. Auf späteren Compilations lautete der Titel des Lieds dann plötzlich „Like One Thousand Violins“. Seltsam, aber so steht es geschrieben. Zumindest ganz deutlich auf den Backcovers.
Wir haben Monatsanfang und ich bin auch noch während der Öffnungszeiten der Filiale eingetrudelt. Zu diesen Zeiten bin ich nur sehr selten hier. Und wie ich hier so vor mich hin lungere, weiß ich auch warum. Spät abends ist man viel schneller mit dem Thema durch.
Irgendwann habe ich dann die Kohle in der Tasche und bin schon fast wieder raus, gehe dann aber doch noch zum Kontoauszugsdrucker. Da ist im Moment gerade niemand zugange. Wenn ich schon hier bin, kann ich das gleich auch mal wieder machen. Ich schiebe die Karte in den Schlitz und das Teil fängt an zu rattern. Und hört auch erst mal gar nicht mehr damit auf.
Hinter mir bildet sich eine Schlange und es wird missbilligend gemurmelt. Als der Mann mit dem langen schwarzen Mantel sich umdreht und ohne Worte in die Runde fragt, ob etwas sei, hört das Gemurmel auch schnell wieder auf. Ich kehre der Meute wieder meinen Rücken zu und beobachte, wie Blatt für Blatt von dem Teil ausgespuckt wird.
Irgendwann ist dann doch mal Schluss und ich stopfe den ganzen Kram in die Tasche. Aus dem Inneren der Bank dringen aufgebrachte Stimmen an mein Ohr. Ein Riesengezeter. So was erzeugt sofort reichlich Aufmerksamkeit und alle wenden sich in die entsprechende Richtung. Die Spannung steigt. Ich lasse mich anstecken und nehme die Stöpsel aus den Ohren. Jetzt fällt mir erst auf, wie laut die sich wirklich anschreien. Da liegen die Nerven bei jemanden nicht nur ein bisschen blank.
Nach den Ohren werden jetzt auch die Augen bedient. Die Gestalten kommen ins Bild. Drei Männer. Zwei davon sind sofort als Mitarbeiter zu erkennen. Banker halt. Der dunkle dezente Anzug. Das obligatorische weiße Hemd. Die farblich abgestimmte Krawatte. Der ordentlich frisierte Kurzhaarschnitt. Banker halt. Wie man sie sich vorstellt. Jung, dynamisch, langweilig.
Interessanter ist aber der Typ in der Mitte. Der ist knapp unter sechzig, tut aber jünger. Der braune Anzug sieht billig aus, war aber bestimmt alles andere als preiswert. Hemd und Schlips bilden überhaupt keine Einheit, aber die Frisur ist auch der Hammer. Der Typ sieht aus wie ein Bauarbeiter im Kommunionanzug.
Die beiden dynamischen Jungbanker schieben ihn Richtung Ausgang.
„Seien Sie vernünftig. Die Entscheidungen werden hier unter objektiver Betrachtung der Fakten gefällt. Im Moment können wir Ihre Wünsche leider nicht erfüllen.“
Der ältere Typ brüllt die beiden ganz extrem an. Dabei scheint er auch eine feuchte Aussprache zu haben. Die Banker wirken etwas angewidert und wischen über ihre Sakkos. Der Typ läuft jetzt auch tiefrot an. Ich mache mir ein paar Sorgen, dass ihm der Kopf platzt. Da möchte ich nicht zu nah dran sein und achte deshalb auf einen gewissen Sicherheitsabstand. Dabei verpasse ich nichts, denn die schreien laut genug.
„Das ist reine Willkür, was hier passiert. Das wird Ihnen allen noch sehr, sehr leid tun!“
Die Jungbanker wirken wenig beeindruckt und scheinen auch emotional nicht so stark involviert. Das ist ihr Job, mehr nicht. Sie nicken ihm zu, wie man einem trotzigen Kind zunickt. Alles wird gut, aber jetzt kannst du das Maul halten. Sie dirigieren ihn weiter zur Tür.
„Bitte verlassen Sie jetzt das Gebäude. Ansonsten sehen wir uns gezwungen die Polizei zu kontaktieren.“
Dass sich der Typ durch die Drohung mit den Sheriffs auch bedroht fühlt, kommt mir nicht so vor. Trotzdem verlässt er die Sparkasse. Die Show scheint vorbei und ich schlendere auch nach draußen.
Der Typ marschiert auf eine dunkle Limousine zu. Das Ding sieht reichlich teuer aus, so schlimm scheint die Armut noch nicht zu sein. Auf der Beifahrerseite steigt eine Frau aus. Rein optisch sollte das wohl sein angetrautes Eheweib sein.
„Schatz, ist da drin alles gut gelaufen?“
„Steig sofort ein, ich will hier weg!“
Dann dreht er sich noch mal Richtung Sparkasse um. Die beiden Jungbanker stehen in der Tür und beobachten ihn. Bevor der nicht weg ist, werden die nicht reingehen. Wachhunde im Anzug und mit Krawatte.
„Ihr Wichser! Passt bloß auf!“
Jetzt dreht der Typ tatsächlich noch ein bisschen weiter auf. Ich hätte gar nicht gedacht, dass da noch Potential nach oben gewesen ist. Die Welt ist halt voller Überraschungen. Er fletscht jetzt seine Zähne wie eine Bulldogge auf Speed. Geifer oder Sabber ist aber bisher noch nicht zu sehen. Kann aber bestimmt noch kommen.
In meinen Kopf macht sich die Frage breit, ob der noch alle Tassen im Schrank. Oder ob der überhaupt je irgendwelche Tassen hatte. Oder zumindest einen Schrank. Aber auch solche Gestalten muss es geben. Selbst die sind nicht vollkommen überflüssig, sie können immer noch hervorragend als schlechtes Beispiel dienen.
Der Wagen schießt mit quietschenden Reifen los und ist auch schon um die Ecke. Die Jungbanker verdrücken sich in ihre Burg und ich wandere in die Richtung, in die auch der Typ gerast ist. An der Ecke sehe ich, dass er direkt in eine Radarfalle getappt ist. Die Sheriffs haben ihn voll am Hacken. Mit Vollgas in die Hölle.
Die Welt ist nicht immer ungerecht.
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Am Montag geht es weiter ...
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