Freitag, 9. Dezember 2016
04 The Smiths “That Joke Isn’t Funny Anymore”
Donnerstag

Pete und ich haben heute versucht irgendwas in Erfahrung zu bringen. Es ist bisher nicht viel dabei heraus gekommen. Zumindest war nun aber klar, dass der OB am Montag von einem unerwarteten Immobiliendeal gesprochen hat, der gutes Geld einbringen sollte. Das ist zwar etwas, aber hilft auch nicht unbedingt entscheidend weiter.
Pete kommt zurück in mein Büro. Er sieht bestenfalls halbwegs zufrieden aus. Eher schon richtig unzufrieden..
„Hast du noch was rausgefunden?“
„Donnerstag. Neunzehn dreißig. Grundschule Bahnhofstraße.“
Ich schaue ihn vollkommen entgeistert an. Keine Ahnung, wovon er redet. Nicht den Hauch.
„Da trainieren dann die Pole Dance Mädels von Arminia. Hab doch gestern gesagt, dass ich das ganz easy rausfinden kann. Steht ja auf dem Hallenbelegungsplan. Muss man nur draufgucken, kann selbst ich. Will nur wahrscheinlich keiner wissen. Dabei hätten wir sogar einen Generalschlüssel für die Halle.“
Pete ist nicht nur unzufrieden, er ist absolut genervt. Ist eigentlich nicht seine Art.
„Und sonst?“
Er hebt die Achseln. Also wenig. Oder noch weniger. Vielleicht sogar gar nichts. Pete hat ein bisschen rumtelefoniert. Er hat bei den Frauen in der Verwaltung einen ziemlichen Schlag, lässt aber irgendwie alle abblitzen. Er macht da keinen Unterschied. Die, die ein Abenteuer gegen die eheliche Langeweile suchen, kommen genauso wenig zum Zug, wie die, die ernstere Absichten verfolgen. Und jetzt hat er versucht der holden Behördenweiblichkeit vorsichtig Infos zu entlocken. Es ist aber wohl beim Versuch geblieben.
„Du musst mit Siouxsie reden.“
Ich versuche Pete nonverbal durch Ignoranz zum Schweigen zu bringen.
„Das ist die beste Möglichkeit, die ich noch sehe.“
Schweigen. Natürlich hat er Recht. Er schiebt das Telefon näher zu mir. Ich wähle, es klingelt, ich warte, es wird abgehoben. Eine Kollegin.
„Waller hier, ist Siouxsie nicht da?“
Ich lausche, nicke verstehend und verabschiede mich.
„Was hat sie gesagt?“
„Zwei Tage Fortbildung. Ist erst Montag wieder da. Und das drüben darüber gesprochen wird, dass der Chef mir richtig den Arsch aufreißen will ...“
Pete zuckt mit den Schultern. Es ist immer schön, wenn meine Freunde an meinem eigenen Schicksal richtig Anteil nehmen und ihr Mitgefühl so offen zeigen.
„Damit ist zu rechnen. Privatnummer?“
„Hab ich nicht mehr.“
„Ehrlich?“
Ich nicke nachdrücklich. Und das ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.
Im Radio läuft eine Ankündigung für eine Tour von einer Handvoll Comedians durch die umliegenden Unistädte. Das Ganze nennt sich Comedy College. Einer der Probanden gibt eine Kostprobe seines Könnens. Oder eher seines Unvermögens. Pete und ich verziehen keinen Miene. Der Typ ist grottenschlecht. Das ist eine Mischung aus alten und flachen Witzen. Teilweise sind es sogar alte, flache Witze. Wir schauen uns kopfschüttelnd an. Das motiviert uns nicht im Ansatz einen Hörsaal zu betreten. Andererseits hat uns auch in unserer offiziell aktiven Zeit als angehende Akademiker fast nichts motiviert, einen Hörsaal zu betreten.
„Weißt du, was ich nicht verstehe?“
Fast wäre es mir noch auf den letzten Drücker gelungen, die Frage anders zu stellen, aber wenn das Sprachzentrum erst mal aktiviert ist, kann es kaum noch gestoppt werden. Pete steigt auch sofort darauf ein.
„Polnisch?“
„Ja, seltsamerweise tatsächlich fast kein Wort. Obwohl mein Uropa ja von da ist. Aber eigentlich wollte ich auf was anderes hinaus. Wie können die mit einem solchen Mist solch einen Erfolg haben?“
Aber darauf weiß auch Pete keine nur ansatzweise passende Antwort. Es muss nicht Qualität sein, was sich durchsetzt, wie wir gerade auch wieder hinlänglich belegt bekommen haben. Auch aus Scheiße kann man Gold machen. Wenn das jemand mit Ahnung von Marketing ernsthaft will und sich dann kräftig darum kümmert.
Pete und ich haben genug für heute und machen zeitig Schluss. Beim Rausgehen treffen wir auf Judith. Sie ist eine comiclesende Esoterikerin. Oder vielleicht auch umgekehrt. Manche behaupten nämlich, sie sei eher eine esoterische Comicleserin. Ich weiß es auch nicht, bin mir aber nicht sicher, ob ich je den Mut finden werde, mit ihr auszudiskutieren, wo sie jetzt ihren Hauptschwerpunkt im Leben setzt. Bei ihr weiß man nie, ob sie Buddha oder Asterix zitiert. Manchmal wechselt das auch schnell hin und her. Wie ein Blinker. Oder wie ein Strobolicht. Dann wird das Gespräch für alle anderen Beteiligten manchmal etwas mühsam.
„Ich habe morgen frei, Viel Glück am Montag. Du hast nichts zu fürchten, außer der Furcht an sich.“
Das klingt mehr nach Asterix. Oder doch nicht? Aber es hört sich doch irgendwie sinnvoll an. Wenn alles gut läuft, kann ich mir das vielleicht sogar übers Wochenende merken.
„Danke! Bis dahin!“

Hey, ho. Let’s go.

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